Sie ruht in ihrer Rolle

Anny Zimmermann steht noch bis Ende März als Annina in Verdis Oper «La Traviata» mit einer anspruchsvollen Nebenrolle auf der Bühne des Musiktheaters Wil. Das Theaterleben liebt die Wiler Sopranistin seit ihrer Kindheit.

Carola Nadler
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Anny Zimmermann (r.) tröstet als Annina ihre Vertraute Violetta, gespielt von Nicole Bosshard. (Bild: Carola Nadler)

Anny Zimmermann (r.) tröstet als Annina ihre Vertraute Violetta, gespielt von Nicole Bosshard. (Bild: Carola Nadler)

WIL. Eigentlich wäre die Rolle der Annina eine kleine Nebenrolle. Die Bedienstete und Vertraute der Kurtisane Violetta hat gemäss Libretto nur wenige Auftritte. Doch Regisseurin Regina Heer gewichtete diese Figur sehr viel stärker. Still organisiert Annina in der Wiler Inszenierung von Giuseppe Verdis Oper «La Traviata» Violettas Leben, befördert Briefe, verwaltet die Finanzen – und pflegt Violetta bis in den Tod.

Als die Wiler Sopranistin Anny Zimmermann für diese Rolle angefragt wurde, sagte sie spontan zu: «Es war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus.» Mit zu dem Engagement gehörte auch die Beteiligung am «Hautnah»-Anlass des Musiktheaters Wil: Im April des vergangenen Jahres traten alle Mitwirkenden mit Solonummern auf. Diese Konzerte sorgten bei der Sängerin für ein zusätzliches Kribbeln, steigerten allerdings auch die Vorfreude auf die Bühnenarbeit zusätzlich. «Ich bin konzertante Soloauftritte nicht in gleichem Masse gewöhnt», erzählt Anny Zimmermann. Im Theater trägt sie Kostüme und Schminke, spielt eine Rolle. «In diesen Momenten bin ich nicht ich selbst.» Doch letztlich genoss sie den Auftritt mit den Carmen-Arien sehr: «Es ist herrlich, wenn man erlebt, wie toll es klingt und wie das Publikum auf das reale Ich reagiert.»

Einen Fuss im Theater drin

Mit dem Theatervirus wurde die gebürtige Braunauerin schon früh infiziert. Schon als kleines Kind konnte sie ihre Eltern an die Aufführungen in Sirnach und Wil begleiten. Nach einer fundierten musikalischen Ausbildung am Lehrerseminar wagte sie dann den Schritt und fragte Martin Baur an, ob er für die Sirnacher Operette noch eine Chorsängerin bräuchte. 2004 stand sie dann in Offenbachs «Grossherzogin von Gerolstein» das erste Mal auf der Bühne. «Wenn man einmal den Fuss im Theater drin hat, bringt man ihn nicht mehr raus», schwärmt die Sängerin. Nach weiteren Chortätigkeiten in Sirnach stand sie als Chorsängerin in Wil 2009 das erste Mal bei der «Carmen» auf der Bühne. Für die nächste Produktion, Offenbachs «Die Banditen», bekam sie die Rolle der Bianca. Bei «La Traviata» hat Annina wenig zu singen, dafür in der Wiler Inszenierung umso mehr zu spielen. «Das Spielen ist in dieser Produktion viel anspruchsvoller», erzählt Anny Zimmermann. Weil sie ihre Gefühle nicht mit der Musik ausdrücken kann, muss sie diese mit Mimik und Gestik vermitteln. Eigentlich eine Schauspielrolle.

Weniger ist mehr

Dabei war ihr Regisseurin Regina Heer eine grosse Hilfe: «Ich habe gelernt, dass weniger oft mehr ist.» Die Erfahrungen der Probenarbeit werden ihr in Erinnerung bleiben: «Regina Heer hat mir viel Freiheit gelassen, die Rolle der Annina zu entwickeln und auszufüllen. Sie hat uns die einzelnen Szenen erklärt, uns spielen lassen und dann gemeinsam mit uns darüber reflektiert.» So ruht Anny Zimmermann heute in ihrer Rolle, fühlt sich wohl und sicher.

Komplimente von den Schülern

Solch eine Rolle ist natürlich mit Einschränkungen verbunden, was besonders die Probenzeit betraf. «Ich musste mich in dieser Probephase strikt organisieren», sagt Anny Zimmermann. Mittlerweile laufen die Aufführungen. «Ich habe das Talent, abzuschalten», sagt Anny Zimmermann, was ihr im beruflichen und privaten Leben zugute komme. In die Rolle der Annina schlüpft die Reallehrerin erst dann, wenn sie das Kostüm anzieht. Bei der Hauptprobe waren einige ihrer Schüler dabei und erzählten danach, sie hätten oft vor Staunen nicht mehr den Mund zubekommen: Dass man ohne Mikrophon so laut singen könne. «Ich habe total herzige Komplimente von meinen Schülern bekommen.»

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