Sie näht gegen Verschwendung an

WIL. In ihrer Maturaarbeit thematisiert Andrina Haldner die Ausbeutung von Mensch und Natur durch die Textilindustrie. Mit dem Recycling getragener Kleider präsentiert sie gleichzeitig einen Lösungsansatz für ein bewussteres Konsumverhalten.

Ursula Ammann
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Andrina Haldner näht getragene Kleidungsstücke zu neuen Unikaten um – und setzt damit ein Zeichen gegen die Wegwerfmentalität. (Bild: Ursula Ammann)

Andrina Haldner näht getragene Kleidungsstücke zu neuen Unikaten um – und setzt damit ein Zeichen gegen die Wegwerfmentalität. (Bild: Ursula Ammann)

Andrina Haldner sitzt an der Nähmaschine und zieht sorgfältig den Faden durchs Nadelöhr. Vor ihr auf dem Tisch stapeln sich gebrauchte Kleidungsstücke – vom Winterjäckchen übers T-Shirt bis zur Hotpants. Daraus sollen neue Unikate entstehen. Unikate wie die farblich aufgepeppte Jeansjacke, die hinten an der Wand hängt, zum Beispiel, oder die Latzhose, deren Innenfutter von einem Pyjama stammt.

Das Recycling gebrauchter Kleider ist Teil der Maturaarbeit, welche die 17-Jährige an der Atelierschule in Zürich macht. Indem sie Altem neues Leben einhaucht, möchte sie einen Lösungsansatz gegen den achtlosen Konsum und die Wegwerfmentalität in der Textilbranche präsentieren. Denn die sogenannte «Fast Fashion» bringt nicht nur ständig neue Trends für wenig Geld mit sich, sondern auch die Ausbeutung von Arbeiterinnen und Arbeitern in Billiglohnländern, Rohstoffverschleiss und Umweltverschmutzungen.

Hungerlöhne und Pestizide

Im theoretischen Teil ihrer Arbeit wirft Andrina Haldner einen Blick hinter die Kulissen der Textilindustrie. Sie erklärt die Mechanismen in den Modehäusern und thematisiert die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken und der Baumwollproduktion. Der Fokus liegt dabei auf Bangladesh und Indien. Beides Staaten, die typische Problematiken von Produktionsländern aufweisen: darunter niedrige Umweltschutzauflagen, mangelndes Arbeitsrecht oder auch Kinderarbeit. Andrina Haldners Recherchen förderten unter anderem zu Tage, dass eine ungelernte Näherin in Bangladesh durchschnittlich 12.50 Euro im Monat verdient, eine Ausgelernte 28 bis 34 Euro. Dieses Geld reicht bei weitem nicht zum Leben aus, wenn man bedenkt, dass allein schon eine kleine Wohnung in der Hauptstadt Dhaka 30 Euro pro Monat kostet. Weiter beleuchtet die 17-Jährige in ihrer Arbeit die Situation auf den Baumwollfeldern Indiens, wo Pestizide zu gesundheitlichen Schäden der Arbeiter, aber auch zu Missbildungen bei Neugeborenen führen.

Schockierende Tatsachen

«Die Ausbeutung von Mensch und Natur durch die Textilindustrie beschäftigt mich schon länger», sagt Andrina Haldner. Deshalb habe sie sich auch entschlossen, ihre Arbeit darüber zu schreiben und noch mehr über diese Thematik zu erfahren. Dabei sei sie auch immer wieder auf neue, schockierende Tatsachen gestossen. Etwa auf die hohen Suizidraten unter den Arbeiterinnen und Arbeitern in der Textilbranche. «In vielen Fabriken werden entlang der Wände Netze aufgespannt, damit Menschen, die sich aus Verzweiflung in die Tiefe stürzen, aufgefangen werden», erzählt Andrina Haldner. Damit wolle die Firmenleitung aber vor allem verhindern, dass die Fabrik durch die Todesopfer negative Presse erhalte.

Zusammen Grosses bewirken

«Es ist nicht das Ziel meiner Arbeit, die Menschen zu bekehren oder ihnen etwas vorzuschreiben», sagt die Wilerin. Vielmehr gehe es ihr darum, die Konsumenten durch Information zu eigenen Lösungsansätzen zu bewegen. Sei es, dass sie beim Kauf von Textilien auf faire Produktionsbedingungen und ökologische Standards achten, dass sie ihre Kleider in Secondhandläden, auf Flohmärkten und an Tauschbörsen erstehen, dass sie alte Kleider flicken statt wegwerfen oder sie zu neuen Kleidungsstücken umnähen.

Andrina Haldners Unikate werden an der Präsentation ihrer praktischen Arbeit von sechs Mitschülerinnen vorgeführt. Ihre schriftliche Arbeit schliesst sie mit folgenden Worten: «Ich habe gelernt, dass ich nicht die Welt verändern kann. Meinen Einfluss möchte ich aber verantwortungsvoll, mit Freude wahrnehmen. Ich kann im Kleinen anfangen und hoffe, dass es viele Menschen mir gleichtun, um so zusammen etwas Grosses zu bewirken.

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