Sie hätte es nicht wissen dürfen

Oberuzwil. Die Pauke geht voraus. Sie gibt den Takt an. Im Leiterwägeli eine junge Frau. Ein Schwamm tropft auf sie. Claudine Brändle, 20, Häggenschwil, frisch ausgelernte Techno-Polygraphin. Erst die Dritte bei der Historika AG mit dieser Ausbildung.

Drucken
Teilen

Oberuzwil. Die Pauke geht voraus. Sie gibt den Takt an. Im Leiterwägeli eine junge Frau. Ein Schwamm tropft auf sie. Claudine Brändle, 20, Häggenschwil, frisch ausgelernte Techno-Polygraphin. Erst die Dritte bei der Historika AG mit dieser Ausbildung. Die Hände gefesselt, ein Lachen im Gesicht, leicht nervös. Sie hätte es eigentlich gar nicht wissen dürfen. Aber der Chef schrieb es in den elektronischen Kalender, Freitag, 5. August, 15.30. Jeder konnte es sehen. Claudine sah es auch.

Aber sie blieb, liess sich packen und fesseln. Und wird jetzt herangezogen, im Leiterwägeli, von der Historika AG auf den Dorfplatz. Gautschen heisst die jahrhundertealte Tradition. Zum ersten Mal heuer auch bei der Historika AG. «Packt an! Lasst seinen Corpus Posteriorum fallen auf diesen nassen Schwamm, bis triefen beide Ballen. Der durstigen Seele gebt ein Sturtzbad oben-drauff, das ist dem Sohne Gutenbergs die beste Tauff.» In den Gautschbrief hat der Feminismus nicht gefunden. Kümmern tut's niemanden, der erste und der zweite Packer tun, was sie zu tun haben. Ein Bub spaziert vorbei, bleibt stehen, wundert sich, zückt sein Handy und filmt. Weg mit dem Seil um die Hände, der Gäutschling strampelt, wehrt sich, nicht so ernst, aber immerhin, starke Hände, Arme schwingen, sie fliegt. Das Wasser spritzt aus dem Brunnen. Gelächter, Geklatsche, Gejohle. Die schwarzen Kleider triefen, mehr als nur die zwei Ballen sind nass geworden.

Aber sie lacht mit, ist erleichtert, der Chef gratuliert. Der erste und der zweite Packer setzen ihre Unterschrift unter den Gautschbrief. Dann die Zeugen, der Gautschmeister. Claudine friert ein wenig. Zuerst trockene Kleider und dann ein Glas weissen Weines. Mario Fuchs

Aktuelle Nachrichten