«S'Huus vom Vatter» im Visier

WIL. Seit eineinhalb Jahren erforscht Manuela Schönenberger den Wiler Dialekt. Die grossangelegte Studie wird vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert. Als Datenquelle dienen spontane Gespräche mit Wilern über Gott und die Welt.

Ursula Ammann
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Manuela Schönenberger nimmt die Gespräche auf und transkribiert diese anschliessend. (Bild: Ursula Ammann)

Manuela Schönenberger nimmt die Gespräche auf und transkribiert diese anschliessend. (Bild: Ursula Ammann)

Sobald ein Satz gesprochen ist, verpufft er meist in der Luft. Nicht dann, wenn Manuela Schönenberger ihr Aufnahmegerät eingeschaltet hat und das Gesprochene einfängt wie Schmetterlinge mit einem Kescher. Dies tut sie für ihr aktuelles Forschungsprojekt zum Wiler Dialekt (siehe Kasten). 90minütige Gespräche dienen ihr dabei als Datenquelle. Spontane Gespräche über Gott und die Welt. Gespräche mit Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Berufsbildung, die aber eines gemeinsam haben: Sie alle sind in Wil aufgewachsen. Fast 30 Probandinnen und Probanden wurden bereits «inoffiziell interviewt» wie das in der Fachsprache heisst. 60 sollen es werden.

Wie variabel ist der Dialekt?

Worüber jemand spricht ist für die Studie nicht von Belang. Ebenso wenig wie gewählt oder fliessend sich das Gegenüber ausdrückt. «Interessant ist die Wortabfolge in einem Satz, die Syntax», erklärt Manuela Schönenberger. Ziel sei es, herauszufinden, wie variabel diese im Dialekt ist und wie sie sich verändert habe. Ein Beispiel: Während jüngere Leute eher «Em Vatter sis Huus» oder «s' Huus vom Vatter» sagen, beschreiben Ältere dasselbige manchmal auch mit «Vatters Huus». Auch Variationen in der Aussprache von verschiedenen Wörtern finden in der Studie Beachtung.

Die mindestens 90 Minuten langen Gespräche werden mittels einer standardisierten Dialektschrift transkribiert und jedes einzelne Wort darin annotiert. Das heisst: Es gilt beispielsweise festzuhalten, dass es sich bei «Huus» um ein Nomen, Neutrum, Singular handelt.

«Vatters Huus» dient Manuela Schönenberger im übrigen auch als Forschungsstätte. Die Gespräche und Auswertungen führt sie meistens im Haus ihrer verstorbenen Eltern in Wil durch – derzeit ihr Zweitwohnsitz neben Genf.

«Verbknödel» analysieren

Eigentlich wäre Manuela Schönenberger selbst die ideale Probandin für ihre Studie. Sie ist – wie bereits ihre Eltern – in Wil aufgewachsen. «Mein Dialekt ist aber durch die Aufenthalte in anderen Sprachregionen nicht mehr so rein», sagt sie. Nach der Matura in Wattwil zog es Manuela Schönenberger nach England und Frankreich, anschliessend an die Uni Genf, wo sie Anglistik, Germanistik sowie Allgemeine Linguistik studierte und heute wieder arbeitet. In den Jahren dazwischen wirkte sie als Dozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an verschiedenen Universitäten, vor allem in Deutschland, aber auch in Zypern.

Schon seit Jahren befasst sich die Linguistin mit Sätzen und deren Syntax, was sich auch im Alltag manchmal nicht so einfach abstellen lässt. So wie andere beim Einkauf die Inhaltsangaben auf Lebensmittelpackungen analysieren, analysiert Manuela Schönenberger die Bestandteile der Sätze, die um sie herum gesprochen werden. Statt der Reihenfolge von Zucker, Mehl und Tapiokastärke, studiert sie jene von Pronomen, Adverbien und Verben und stösst gelegentlich auch auf «Zutaten» wie Verbknödel. «Das gibt es wirklich», lacht sie.

Wiler Dialekt mit Sonderstatus

Als Professor Eric Haeberli vom Institut für Sprachwissenschaft an der Universität Genf nach einer Fachperson für die Durchführung einer Dialekt-Studie suchte, musste er nicht lange überlegen und betraute Manuela Schönenberger mit dieser Aufgabe. Als Projektmitarbeiterinnen sitzen Margrit Amberg und Carmen Kummer – ebenfalls zwei Wilerinnen – mit im Boot.

Nach Abschluss der Studie werde es keinen anderen Dialekt geben, der sich so detailliert erforschen lasse, wie jener der Wiler, sagt Manuela Schönenberger. Natürlich lasse sich mit der Erkenntnis daraus kein Leben retten. Es gehe mehr darum, die Sprachwissenschaft voranzutreiben, zumal der grosse Fundus an Sprachdaten auch für zahlreiche weitere Forschungen verwendet werden könne. Und zuletzt handle es sich beim Wiler Dialekt auch um ein Kulturgut. Manuela Schönenberger stellt immer wieder fest, dass die Wiler ihrem eigenen Dialekt mit Interesse und auch mit einem gewissen Stolz begegnen.