Sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz? Ehepaar fesselt und misshandelt mutmasslichen Vergewaltiger der Frau

Eheleute aus dem ehemaligen Jugoslawien haben einen früheren Arbeitskollegen der Frau in eine Garage gelockt, geschlagen, bedroht und sexuell genötigt. Dies wegen angeblichen sexuellen Übergriffen im Jahr 2005. Am Donnerstag standen sie vor dem Kreisgericht Wil und wurden zu bedingten Gefängnisstrafen verurteilt.

Andrea Häusler
Drucken
Teilen
Wurde seine Frau vergewaltigt? Die unbeantwortete Frage machte einen Ehemann zum Straftäter und die Ehefrau zur Mittäterin.

Wurde seine Frau vergewaltigt? Die unbeantwortete Frage machte einen Ehemann zum Straftäter und die Ehefrau zur Mittäterin.

Symbolbild: Oliver Menge

Konnte er nicht mit dem vorehelichen Verhältnis seiner Ehefrau mit einem ehemaligen, verheirateten Arbeitskollegen umgehen oder war er in Sorge um sie, weil er in eben dieser Vergangenheit die Ursache ihrer psychischen Probleme vermutete?

Die Frage bleibt auch nach der gestrigen Verhandlung vor dem Kreisgericht Wil in Flawil unbeantwortet. Tatsache ist jedoch, dass die Folgen dieser Affäre das seit 2007 verheirateten Paar gestern, vierzehn Jahre nach den fraglichen Ereignissen, gemeinsam vor die Richter führten.

Angstzustände und Depressionen

Es war im Jahr 2005/06. Die heute 43-jährige Beschuldigte arbeitete in einem Industrieunternehmen im Raum Wil. Während dieser Zeit soll es seitens eines Mitarbeitenden wiederholt zu (teils sexuellen) Kontakten gekommen sein: innerhalb und ausserhalb des Betriebs. Die Frau nannte diese an Schranken «ungewollte Übergriffe».

Laut ihrer Verteidigerin soll es später gleichenorts zu Belästigungen durch einen anderen Mitarbeiter gekommen sein. Erst diese hätten die traumatische Vergangenheit wieder präsent werden lassen. Mit allen Konsequenzen: Die Angeklagte litt unter Angstzuständen und Depressionen.

Ehefrau angegriffen und bedroht

Über die Vorfälle reden mochte sie allerdings nie. War sie vergewaltigt worden? Ging es ihr deshalb psychisch so schlecht? Der Ehemann suchte Antworten, energisch, unnachgiebig und schliesslich obsessiv. Es war der 1. April 2017, als er den vermeintlichen Liebhaber aufsuchte und zur Rede stellte. Die Handy-Aufnahme beweist: Es war ein ruhiges, fast kollegiales Gespräch. Wohl auch deshalb, weil der Ex-Liebhaber befürchtete, der Angeklagte würde seine Ehefrau oder den Chef über die delikate Sache informieren.

Umso lauter ging es später zu Hause zu: Der Angeklagte ging seine Frau tätlich an, schlug und bedrohte sie. Sie sollte reden, zugeben, dass die Übergriffe gegen ihren Willen stattgefunden hatten und sie vergewaltigt worden war. «Um seine Ehre zu retten», sagte der Staatsanwalt. Eine Bestrafung ihres Mannes wegen häuslicher Gewalt wollte die Frau gestern aber nicht: «Unsere Beziehung ist gut und ich möchte mit ihm und den Kindern zusammenbleiben.»

In einer Garagenbox geschlagen und erniedrigt

Die innerfamiliären Wogen schienen sich denn auch geglättet zu haben. Denn gemeinsam schickten sie sich am 20. April 2017 an, den Ex-Arbeitskollegen definitiv aus der Reserve zu locken (oder eben zu bestrafen).

Das Treffen fand auf Thurgauer Boden an der A1 statt. Von dort aus fuhr der Angeklagte das spätere Opfer in seine Garage im Raum Wil und informierte die Ehefrau. Gemeinsam überrumpelte das Paar daraufhin den auf einem Bürostuhl sitzenden Mann, fesselte seine Hände mit Klebeband, schrie ihn an, schlug ihn mit den Händen und einem nassen Badetuch, trat gegen seinen Genitalbereich und drohte ihm, ein Ohr und einen Finger abzuschneiden. Zu einem unbestimmten Zeitpunkt habe der Angeschuldigte dann seine Hose geöffnet und das Gesicht des Opfers gegen sein entblösstes Geschlechtsteil gedrückt.

90-minütiges Martyrium gefilmt

Rund 90 Minuten dauerte das Martyrium, das, laut der Staatsanwaltschaft, auch mit der Handycam aufgenommen wurde. Das Paar liess vom Gepeinigten ab, als dieser die nicht stattgefundene Vergewaltigung von 2005 zugab und wie verlangt versicherte, dass er seine Arbeitsstelle im genannten Industriebetrieb kündigen werde.

Der Angeklagte fuhr den Verletzten später an die Autobahn zurück. Das Opfer hatte Hämatome erlitten, Kopfschmerzen und zeitweise die Farbsehfähigkeit verloren.

Bedingte Haftstrafen und kein Landesverweis

So dramatisch sahen die Verteidiger die späte Rache des Paars nicht. Das Opfer sei nur lose gefesselt worden, die Garage zwar zu, aber nicht abgeschlossen gewesen. Ausserdem habe es die Täter gut genug gekannt um zu wissen, dass ihm nichts abgeschnitten würde.

Das Opfer, selber nicht vor Gericht erschienen, will allerdings Todesangst erlitten haben und bis heute unter Angstzuständen leiden. Dafür hatte es eine Genugtuung von 12'000 Franken gefordert.

Verurteilt, aber noch kein Urteil über Genugtuung

Ob die Genugtuung zugesprochen wird, hat das Gericht noch nicht entschieden, das Strafmass für die Beschuldigten hingegen festgelegt. Der Angeklagte wurde wegen Freiheitsberaubung, einfacher Körperverletzung, sexueller Nötigung, Drohung und Nötigung zu 24 Monaten Gefängnis bedingt auf zwei Jahre verurteilt. Gegen seine Ehefrau wurde wegen Freiheitsberaubung, einfacher Körperverletzung und Nötigung eine bedingte Haftstrafe von 15 Monaten ausgesprochen.

Die Anklage hatte eine teilbedingte Gefängnisstrafe von 36 Monaten und, für die Frau, eine bedingte Strafe von 18 Monaten beantragt, während die beiden Verteidiger bedingte Geldstrafen wegen einfacher Körperverletzung und versuchter Nötigung gefordert hatten.

Die «häusliche Gewalt» gegen die eigene Frau bleibt für den Ehemann folgenlos. Auf einen Landesverweis der Beschuldigten aus Ex-Jugoslawien wird verzichtet.