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Marco Albrecht – ein aussergewöhnlicher SVP-Politiker: «Bei jedem schlägt das Herz ein bisschen links»

Der neu gewählte Wiler Stadtparlamentarier kommt einem so gar nicht wie ein SVP-Politiker vor. Für seinen Parteibeitritt war unter anderem die Bewunderung für alt Bundesrat Adolf Ogi ausschlaggebend.

Gianni Amstutz
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Marco Albrecht lässt sich politisch nur schwer einordnen.

Marco Albrecht lässt sich politisch nur schwer einordnen.

Bild: PD

Marco Albrecht ist kein typischer SVP-Politiker. So ist der Neo-Stadtparlamentarier beispielsweise sehr zufrieden mit der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative, befürwortet einen ausgebauten Sozialstaat und sagt: «Bei jeder Person schlägt das Herz ein bisschen links.» Seine Mutter arbeitet im Sozialbereich, was auch den 33-Jährigen geprägt hat.

Dass er trotzdem für die SVP politisiert, hat verschiedene Gründe. Einer ist sein Idol, alt Bundesrat Adolf Ogi. Albrecht sagt: «In der Oberstufe hatten viele meiner Kollegen irgendeinen Fussballspieler zum Vorbild, für mich war es Adolf Ogi.» Dies aufgrund seiner stets positiven Einstellung und seiner Art zu politisieren. Ogi war bekannt dafür, nicht immer strikt auf der SVP-Parteilinie gewesen zu sein. Auch Albrecht findet, dass die Sache und nicht die Partei im Vordergrund stehen muss. «Es gibt ja keinen Fraktionszwang.»

Wenn er bei einzelnen Geschäften es als sinnvoll betrachte, werde er auch einmal mit den Grünen oder der SP stimmen. Berührungsängste habe er jedenfalls keine. So sei er beispielsweise mit Links-grün einig, dass es ein absoluter Unsinn ist, das Catering für den Wiler Mittagstisch von einer Basler Firma anliefern zu lassen. Wenn man die Kriterien so anpasse, dass ein regionaler oder lokaler Anbieter zum Zug komme, sei sowohl der Umwelt als auch der Wirtschaft geholfen.

Von den Werten der SVP überzeugt

Wer jetzt aber erwartet, dass sich mit Marco Albrecht ein Linker zur SVP verirrt hat, irrt. Denn obwohl letztlich auch ein persönlicher Kontakt zum Wiler SVP-Nationalrat Lukas Reimann für Marco Albrechts Beitritt zur Partei ausschlaggebend war, ist er auch von ihren Werten grundsätzlich überzeugt. Er sagt: «Die SVP ist die Partei, die in letzter Zeit vieles richtig gemacht hat.» Damit meint er vor allem die Wiler Ortspartei.

Auch wenn Albrecht es grundsätzlich wichtig findet, der Umwelt und dem Klima Sorge zu tragen, befürwortet er, dass die SVP einen zurückhaltenden Kurs fährt. Die Grünen seien ihm in dieser Frage zu dogmatisch. Und ohnehin seien ihm Freiheitsbeschränkungen ein Graus. Es sei alles eine Frage der Verhältnismässigkeit. Diese stimme bei dem Programm der Grünen – und in der Politik im Allgemeinen – oft nicht.

Die vielen Tempo-30-Zonen, welche in den vergangenen Jahren eingeführt wurden, erachtet Albrecht beispielsweise als völlig unnütz. Damit würden keine Probleme gelöst, sondern nur neue geschaffen. Dann etwa, wenn der Bus kaum noch durchkomme, die Sicherheit der Velofahrer durch die Hindernisse auf der Strasse gefährdet würden und es zu Staus komme. «Damit ist weder der Umwelt noch den Verkehrsteilnehmern geholfen», ist Albrecht überzeugt.

Auch Albrechts Verhältnis zur Bürokratie entspricht der gängigen SVP-Denkweise. Dass heutzutage jeder Stempel auf der Gemeinde von den Einwohnern berappt werden müsse, ist ihm ein Dorn im Auge. Er nennt Gebühren gar die «asozialste Form von Steuern», da sie für alle Personen, unabhängig vom Einkommen, gleich hoch ausfallen. Geht es nach ihm, sollte man Gebühren gleich ganz abschaffen. Im Zweifelsfall sei diese Massnahme sogar einer Steuersenkung vorzuziehen.

Gesunder Menschenverstand als politische Leitlinie

Finanzpolitisch ist Albrecht ebenfalls auf Parteilinie und plädiert für einen sparsameren Umgang mit den Steuergeldern. Nur müsse man eben am richtigen Ort sparen. Würde nicht in übermässig teure Bauprojekte investiert, könne man sich den Sozialstaat leisten. Dort Abstriche zu machen, findet Albrecht aber nicht sinnvoll, auch wenn er hinzufügt: «Auch im Sozialbereich ist die teuerste nicht immer die beste Lösung.»

Albrecht politisch einzuordnen, fällt nicht ganz einfach. Sein Smartvote-Profil würde suggerieren, er sei ein Mitte-links-Politiker. Seine Haltungen reichen von liberal bis konservativ. Er selbst sagt: «Ich werde versuchen mit gesundem Menschenverstand zu politisieren.» Das fehle im Stadtparlament bisweilen, auch wenn er ergänzt: «Im Grossen und Ganzen macht das Parlament einen guten Job.»

Beruflich widmet sich der 33-Jährige dem Day-Trading, bei dem über kurze Zeiträume Positionen an der Börse gekauft und wieder verkauft werden. Daneben arbeitet der begeisterte Camper und Pokerspieler in einem Teilzeitpensum bei der Brauerei Stadtbühl in Gossau.

«Freude herrscht» trotz Verzicht auf Online-Wahlkampf

Seine Bewunderung für Adolf Ogi führte Marco Albrecht nicht nur zur SVP, sie trug ihm in der Sekundarschulzeit auch den Spitznamen Ogi ein. Ein Umstand, den er sich im Wahlkampf zunutze machte und auf seinen Plakaten als «Ogiginal für Wil» um Stimmen warb. Das scheint funktioniert zu haben. Bis auf ein paar Plakate habe er nämlich keinen grossen Wahlkampf geführt, sagt Albrecht.

Trotzdem hat es zur Wahl gereicht. Im ersten Wahlgang klassierte er sich auf dem ersten Ersatzplatz, konnte dann aber durch die Wahl von Ursula Egli in den Stadtrat nachrücken und so am 29. November ganz getreu des Bonmots seines Idols «Freude herrscht» verkünden.

Dieser Artikel ist Teil einer Serie, in der alle neu gewählten Mitglieder des Stadtparlaments vorgestellt werden.