Kolumne

Seitenblick: Whatsapp, das Orakel von Delphi für die digitale Gesellschaft

Whatsapp schreibt uns mit Antwortvorschlägen seit Neustem vor, wie es gerade um unsere Befindlichkeit steht. Doch statt deswegen paranoid zu werden, könnte man sich die orakelhaften Fähigkeiten der App auch zu Nutze machen.

Tobias Söldi
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Seit kurzem schlägt Whatsapp auf manche der eingehenden Nachrichten Reaktionen vor, unter denen der Nutzer nur noch auswählen.

Seit kurzem schlägt Whatsapp auf manche der eingehenden Nachrichten Reaktionen vor, unter denen der Nutzer nur noch auswählen.

Bild: PD

Whatsapp weiss, wie es uns geht. Das sollte mittlerweile niemanden mehr überraschen. Unsere Geräte mit ihren Apps, gespeicherten Suchverläufen und GPS-Funktionen wissen vermutlich mehr über einen, als uns lieb ist. Aber dass die App wortwörtlich vorschreibt, wie es gerade um die eigene psychische und physische Befindlichkeit steht, das mutet doch etwas unheimlich an.

Tobias Söldi, Redaktion Wil

Tobias Söldi, Redaktion Wil

Urs Bucher

Denn seit kurzem schlägt Whatsapp auf manche der eingehenden Nachrichten Reaktionen vor, unter denen der Nutzer nur noch auswählen muss und die ihm das Schreiben ersparen. Auf die Frage «Wie gods dir?» zum Beispiel stellt Whatsapp drei Antworten zur Wahl: die neutrale Standardvariante «Gut und dir?», mit der man nichts falsch macht; die Variante ohne Bindewort – «Gut, dir?» – für diejenigen, die Geschäftigkeit signalisieren wollen; und die freundliche, geradezu plauderhafte Variante «Danke, gut und dir?». Nur schlecht geht es einem in diesem Moment erfreulicherweise offensichtlich nicht.

Whatsapp macht das Leben leichter

Doch statt deswegen paranoid zu werden und sich dem Studium der Verschlüsselungstechniken zu widmen, könnte man aus der Not auch eine Tugend machen und sich die orakelhaften Fähigkeiten von Whatsapp zu Nutze machen. Zwar scheint die Funktion aktuell nur auf einfache Fragen ebenso einfache Antwortvorschläge bereitzustellen, aber die Technik entwickelt sich ja bekanntlich rasend.

Und dann ist vieles möglich, Whatsapp könnte zum Orakel von Delphi für die digitale Gesellschaft werden. Warum nicht auch bei grossen Fragen das Wissen der App in Anspruch nehmen? Zum Beispiel in Beziehungskrisen, bei beruflichen Neuorientierungen, bei grossen Anschaffungen? Ein Segen für Leute, die mit jeder noch so kleinen Entscheidung hadern, und auch eine Entlastung: Denn für Fehlentscheide ist dann Whatsapp verantwortlich. Da soll noch jemand sagen, die Digitalisierung mache den Menschen unglücklich.

P.S. Wer auf die Weissagungsfähigkeit von Whatsapp verzichten will: Es soll möglich sein, die Funktion zu deaktivieren. Wie das geht? Am besten Whatsapp fragen, eine Internetrecherche hat noch keine brauchbare Anleitung zutage gefördert.

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