Kolumne

Seitenblick: Während der Coronapandemie hat der Konjunktiv II Hochkonjunktur

Weil so vieles zurzeit nicht möglich oder ungewiss ist, findet der Konjunktiv II, die Möglichkeitsform, besonders oft Verwendung. Aber Corona hat nicht nur unsere Grammatik, sondern auch unseren Wortschatz infiziert.

Tobias Söldi
Drucken
Teilen
Im neuen Duden sind auch Wörter zu finden wie Covid-19, Reproduktionszahl oder Lockdown.

Im neuen Duden sind auch Wörter zu finden wie Covid-19, Reproduktionszahl oder Lockdown.

Bild: Wolfgang Kumm / DPA

Würde, wäre, sollte, könnte – die Coronapandemie hat dem Konjunktiv II zu neuer Konjunktur verholfen. Was hätte nicht alles stattgefunden in den vergangenen Monaten, was stünde nicht alles noch an, wäre da nicht das Coronavirus dazwischengekommen.

Tobias Söldi, Redaktion Wil.

Tobias Söldi, Redaktion Wil.

Urs Bucher

Man erinnert sich mit Schaudern: Der ungeliebte Konjunktiv II, die Möglichkeitsform, diejenige der drei Verbmodi, welche im Grammatikunterricht für rauchende Köpfe und versteckte Flüche gesorgt hat. Der Indikativ (die Wirklichkeitsform) und der Imperativ (die Befehlsform) waren da vergleichsweise einfach zu handhaben.

Dass es den Konjunktiv in zwei Varianten gibt, macht die Sache nicht einfacher. Während der Konjunktiv I hauptsächlich beim Bilden der indirekten Rede zum Einsatz kommt, verwenden wir den Konjunktiv II, wenn wir über etwas sprechen, das zurzeit nicht möglich ist oder nicht gewiss ist. Also für fast alles in den vergangenen Monaten.

Herdenimmunität? Ein Thema für Schafe

Corona hat aber nicht nur unsere Grammatik, sondern auch unseren Wortschatz infiziert. Zum Beispiel mit Begriffen, die noch vor wenigen Monaten bloss verständnisloses Kopfschütteln hervorgerufen hätten. Beim «Social Distancing» hätte man in unschuldigeren Zeiten vielleicht an eine neue (Un-)Sitte in den sozialen Medien gedacht, an die Kündigung einer Freundschaft auf Facebook oder das Ent-Followen eines Influencers. Die zweite Welle hätte Assoziationen an so harmlose Dinge wie Surfen oder die La-Ola-Welle im Fussballstadion hervorgerufen. Und die Herdenimmunität hätte man als etwas abgetan, was bloss Schafe betrifft.

Manche dieser neuen Worte haben nicht nur Eingang in den Alltag gefunden, sondern auch in den Duden: In dessen neuster, kürzlich erschienener Ausgabe sind Wörter zu finden wie Covid-19, Reproduktionszahl oder Lockdown. Es bleibt zu hoffen, dass diese Begriffe bald wieder aus dem Alltagsgebrauch verschwinden oder in der Tiefe des Dudens verschwinden.

Nur der Konjunktiv II soll bleiben. Schliesslich erinnert er nicht nur daran, worauf wir gerade verzichten, sondern auch, worauf wir uns freuen können. Eine Welt ohne die Möglichkeiten des Konjunktivs II wäre ein trauriger Ort.

Mehr zum Thema