Glosse

Seitenblick: Videoanrufe haben ihre Tücken – aber sie sind besser als ihr Ruf.

In den besten Momenten vergisst man sogar, dass eigentlich alleine zu Hause vor einem Laptop sitzt.

Tobias Söldi
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Nicht ganz das gleiche: Freunde virtuell treffen statt in echt.

Nicht ganz das gleiche: Freunde virtuell treffen statt in echt.

Christian Beutler / KEYSTONE

In der Erinnerung sind Videoanrufe in der Rubrik «Ärgernisse, möglichst zu vermeiden» abgespeichert. Skype-Gespräche waren Zerreissproben für die Nerven, eine endlose Aneinanderreihung von technischen Problemen, ein Hohn auf den Glauben an den technischen Fortschritt, eine harte Prüfung selbst für die ausgeglichensten und entspanntesten Gemüter.

Das gute, alte Gespräch am Telefon leistete da die zuverlässigeren Dienste. Zwar war das Gegenüber bloss eine Stimme, aber immerhin blieb es einem erspart, voller Schrecken mit ansehen zu müssen, wie lieb gewonnene Freunde oder Familienmitglieder plötzlich mit offenen Mündern erstarrten und sich in unförmige, verpixelte Fratzen verwandelten. Es blieb einem erspart, mit anhören zu müssen, wie vertraute Stimmen zu unverständlichen, unmenschlichen Störgeräuschen wurden.

Vergessen, dass man alleine zu Hause sitzt

Skepsis – das war das vorherrschende Gefühl, als klar wurde, dass man sich wohl oder übel dieser Kommunikationsform zuwenden musste, um den Kontakt mit den Freunden aufrechtzuerhalten. «Hörst du mich?», «Ich sehe dich nicht», «Jetzt habe ich dich nicht verstanden»: Solche Aussagen sollten also die herzliche Umarmung unter Freunden ersetzen?

Umso grösser das Erstaunen nach den ersten Gesprächen: Klar, manchmal stockt das Bild, manchmal verzerrt sich die Stimme zu einem Surren– aber meistens funktioniert der Austausch über Videoanrufe erstaunlich gut. Und nicht nur das: In den besten Momenten einer hitzigen Diskussion geht glatt vergessen, dass man eigentlich ganz alleine in den eigenen vier Wänden vor einem Glas Bier und einem Laptop sitzt, dass das Gegenüber viele Kilometer weit entfernt ist und als ein körperloses Wesen, als Geist, dem Laptop entsteigt. Vielleicht ist der Glaube an den technischen Fortschritt doch berechtigt.

Aber sobald der Laptop dann zugeklappt ist, man innerhalb eines Sekundenbruchteils wieder auf sich selbst zurückgeworfen ist, wird einem umso stärker bewusster: Auf die Dauer können diese Videoanrufe den physischen Kontakt nicht ersetzen. Die Geister aus dem Laptop dürfen hoffentlich bald wieder zu Wesen aus Fleisch und Blut werden.