Kolumne
Seitenblick: Die Wiler Altstadtbewohner sind die Gewinner der Krise

An der Eroberung der Wiler Altstadt scheiterten schon die Zürcher. Nun hilft auch das Coronavirus bei der Verteidigung mit.

Gianni Amstutz
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Gianni Amstutz, Redaktor.

Gianni Amstutz, Redaktor.

Bild: PD

Jede Krise bringt auch Gewinner hervor. In Wil sind dies die Bewohner der Altstadt. Deren alljährliche Belagerung fällt in diesem Jahr ins Wasser. Belagert wird das historische Zentrum des Städtchens nicht im wörtlichen Sinn, wie es etwa die Zürcher im Jahr 1445 taten. Sie scheiterten damals.

Seit der Neuzeit – wohl aus blanker Selbstironie – versuchen nun die Wiler selbst jedes Jahr über die Sommermonate, ihre Altstadt einzunehmen und die Anwohner zu vertreiben.

Heute keine Kanonen mehr

Da auch jene Wiler, die sich an der Belagerung beteiligen, emotional an der Altstadt hängen und Schäden an der historischen Bausubstanz verhindert werden sollen, wird auf den Einsatz von Kanonen heutzutage verzichtet.

Das Mittel der Wahl sind deshalb eine Serie geräuschintensiver Feste mit dem einzigen Ziel, die Altstadtbewohner damit zur Kapitulation zu bewegen. So zumindest hört man es von ebenjenen Bewohnern des historischen Kerns.

Niemand will sich in die Uniform eines Zürchers schmeissen

Auf das Nachstellen historischer Gegebenheiten wird weitgehend verzichtet. Denn, obwohl das Inszenieren des Kriegs von 1445 sich zu einer beliebten Tätigkeit der Wiler über die Sommermonate gemausert hat, möchte sich niemand in die Uniform eines Zürchers schmeissen und schon gar nicht als solcher gelten.

So haben die Wiler eine Methode gefunden, das historische Spektakel derart krass zu abstrahieren, dass dessen Ursprung heute nur noch den Wenigsten bekannt ist.

Belagerung aus mehreren Himmelsrichtungen

Die einzigen geschichtlichen Überbleibsel sind, dass man sich bei der Ansetzung der Lärmorgien im Ansatz an den Kalender hält und der Umstand, dass die Belagerung noch immer aus mehreren Himmelsrichtungen (Rock am Weier, J&B-Fest, Stadtfest und mehr) durchgeführt wird.

Die Altstadtbewohner nehmen dieses jährliche Treiben jeweils missmutig zur Kenntnis. Sie sehnen sich nach der guten alten Zeit, in der solche Belagerungen noch mit Hellebarden anstatt nur mit Leserbriefen und Anrufen bei der Polizei bekämpft werden konnten.

Heuer haben sie Glück. Das Coronavirus verhindert die Durchführung der Barbarei. Diese Schlacht ist gewonnen, doch der Krieg dürfte nächstes Jahr weitergehen.