Seitenblick: Die besseren Schweizer

In diesem Seitenblick - der wöchentlichen Glosse in der «Wiler Zeitung» - geht es um Einbürgerungen.

Gianni Amstutz
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Gianni Amstutz

Gianni Amstutz

Bild: Hans Suter

Wer in die Schweiz eingebürgert werden will, muss hohe Anforderungen erfüllen. Ob diese nun gar zu hoch sind oder nicht, darüber können getrost die Politiker streiten. In Wil scheinen jedenfalls immer mehr Menschen den roten Pass zu wollen. Das ist erstaunlich. Denn bereits der Film «Die Schweizermacher» aus den 70er-Jahren hat – wenn auch überspitzt – aufgezeigt: Schweizerin oder Schweizer zu werden, ist kein Zuckerschlecken.

Manch ein Schweizer würde die Anforderungen wohl nicht erfüllen. So sind beispielsweise Grundkenntnisse über geografische, historische, politische und gesellschaftliche Verhältnisse der Schweiz gefragt. Einige Beispielfragen aus dem Einbürgerungstest: Wie hiess der General der Schweizer Armee im 2.Weltkrieg? Was geschah bei der Schlacht von Marignano? Welches ist der höchste Berg der Schweiz? Was löste den Generalstreik von 1918 aus? Viele Eidgenossen wären wohl schon daran gescheitert.

Wer die weiteren Anforderungen an Einbürgerungswillige durchliest, bekommt einen guten Eindruck vom «Musterschweizer». Dieser weiss nämlich nicht nur, dass die Dufourspitze mit 4634 Metern der höchste Berg der Schweiz ist, sondern ist auch Mitglied im Turnverein und verpasst keine Abstimmung (nimmt am sozialen und kulturellen Leben teil) und lädt seine einheimischen Nachbarn am Sonntag gerne zum Cervelatgrillieren ein (pflegt Kontakte zu Schweizerinnen und Schweizern).

Wer all diese und weitere Kriterien erfüllt, ist wohl schon vor der Einbürgerung ein «besserer» Schweizer als viele Hiergeborene. Vielleicht steckt dahinter ein gewisses Kalkül. Die Eingebürgerten werden das Mittel zur Rettung der Schweiz. Im Idealfall stoppen die «Musterschweizer» den Mitgliederverlust der Vereine, füllen als politisch Interessierte die oft schwach gefüllten Säle bei Gemeindeversammlungen und gestalten das gesellschaftliche Leben aktiv mit. In der Realität dürfte es etwas anders aussehen, auch weil die Kriterien zur Einbürgerung relativ vage formuliert sind. Vielleicht ist es aber sogar schweizerischer, nicht zu wissen, wie viele Unterschriften es für eine Initiative braucht, keinem Verein anzugehören und sich nicht um Politik zu scheren. Das lässt zumindest die Statistik vermuten.