Seitenblick
Das Grauen im Zug

Pendeln war schon vor Corona mühsam. In der Krise ist es aber um ein Vielfaches anstrengender geworden, die Stimmung unter den Fahrgästen ist meistens nicht die beste. Trotzdem ist nicht alle Solidarität verschwunden.

Lara Wüest
Lara Wüest
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Pendeln mit Maske: Manche Jobs lassen sich nicht im Homeoffice erledigen.

Pendeln mit Maske: Manche Jobs lassen sich nicht im Homeoffice erledigen.

Bild: Urs Flüeler/Keystone

Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren ist anstrengend. Durchgetaktete Fahrpläne führen zu Verspätungen. Zu Stosszeiten ist ein Sitzplatz nur mit Ellbogen zu ergattern. Und wer im überfüllten Waggon in Ruhe ein Buch lesen möchte, den versucht die Sitznachbarin in ein Gespräch zu verwickeln, während der Reisende im Abteil nebenan in sein Handy brüllt.

Nein, normalerweise ist es nicht angenehm, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu fahren. Doch was ist derzeit schon normal? Corona und die Lockdowns haben die Züge leer gefegt. ÖV-Betreiber klagen seit Ausbruch der Krise über die leeren Fahrten.

Volle Züge und Busse trotz Lockdown

Für die wenigen Pendler, die noch unterwegs sind, ist das Zug- und Busfahren völlig entspannt geworden. In den leeren Zugabteilen haben Passagiere einen Sitzplatz auf sicher. Nur das Rattern der Eisenbahnräder stört zwischendurch die Stille. Sollte man meinen.

Wer das glaubt, war in jüngster Zeit nicht oft mit dem ÖV unterwegs. Auch während des Lockdowns kann es in den Zügen und Bussen rappelvoll sein. Und dann wird das ÖV-Fahren zum blanken Horror. Auf die Frage, ob der Sitzplatz noch frei sei, erhält man einen mörderischen Blick zur Antwort. Trotz Maske will kein Reisender einem anderen körperlich nahe sein. Findet sich dann doch ein Platz, ist er stets neben dem Fahrgast, der heftig hustet.

Immer wieder bricht auch ein Streit aus, weil jemand ohne Maske einsteigt. So etwa vor einiger Zeit in einem Überlandbus: Ein älterer Herr verlor die Fassung, weil ein Jugendlicher keine Maske trug. Der Junge wirkte eingeschüchtert, die anderen Fahrgäste blickten beschämt zu Boden. Für welchen der beiden sie sich schämten, blieb unklar.

Eine unerwartete Geste

Kürzlich in einem Intercity eine ähnliche Szene: Ein junger Mann stieg ein. Einen schlechten Tag habe er, bellte er in sein Handy, und dann habe er auch noch seine Maske vergessen. Schon sprang eine ältere Dame von ihrem Sitz auf und stapfte auf ihn zu. Der nächste Maskenstreit, mögen sich manche Fahrgäste gedacht haben.

Doch die Dame griff in ihre Tasche und zog eine Maske heraus. «Hier nehmen Sie», sagte sie. Sie habe stets eine «Reservemaske» mit dabei. Im Zug war es plötzlich ganz still. Eine freundliche Geste hatte wohl niemand erwartet.