Seit Februar dürfen Automaten-Fahrer auch mit Handschaltung fahren: Was halten die Wiler Fahrlehrer von der Gesetzesänderung?

Gretchenfrage Getriebefrage: Wer seine Prüfung mit einem Automaten gemacht hat, darf seit Februar auch geschaltete Autos fahren. Sind mehr Unfälle die Folge oder führt die Änderung in eine grünere Zukunft? Lokale Fahrlehrer geben ihre Einschätzung.

David Grob
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Seit Februar darf jeder schalten, auch wenn man die Prüfung mit einem Automatik-Getriebe abgelegt hat. (Bild: Hannes Thalmann)

Seit Februar darf jeder schalten, auch wenn man die Prüfung mit einem Automatik-Getriebe abgelegt hat. (Bild: Hannes Thalmann)

Seit Februar darf schalten, wer seine Fahrprüfung mit einem Automatikgetriebe bestanden hat. Damit können Neulenker legal mit allen Getriebetypen fahren. Dies ist die wohl gravierendste Änderung der Strassenverkehrsgebung, die das Bundesamt für Strassen (Astra) in den letzten Jahren verabschiedet hat. Ein kontroverses Thema, ein Bundesamt als Gegner – die Empörung war vorprogrammiert: Die Wellen der Entrüstung schlugen hoch in den Kommentarspalten.

Doch wie sehen Fachleute, deren Beruf die Ausbildung von Neulenkern ist, den Sachverhalt? Was meinen Fahrlehrer aus der Region zur Gesetzesänderung? Sinnvoll oder fahrlässig? Dabei zeigt sich ein differenziertes Bild.

Gibt es mehr Unfälle?

Fahrlehrer Markus Knecht ist nicht grundsätzlich ein Gegner der Gesetzesänderung, befürchtet aber durchaus Schwierigkeiten: «Die Unfallgefahr wird am Anfang sicher steigen.» Knecht nennt etwa das Beispiel eines Autofahrers, der privat ein Fahrzeug mit Automatikgetriebe fährt, im Firmenauto jedoch plötzlich schalten muss. Knecht sagt:

«In schwierigen Verkehrssituationen könnte es zu Unfällen kommen, wenn der Fahrer mit der Schaltung überfordert ist.»

«Alles halb so wild», meint indes Heinz Looschelders, Fahrlehrer der gleichnamigen Fahrschule. Er erwartet keine nennenswerten Probleme durch die Gesetzesänderung, die grösser geredet werde, als sie in Realität sei. Dieser Meinung ist auch Herbert Brändle vom Ausbildungs-Center Easy Drive Experts GmbH in Sirnach:

«Ich denke nicht, dass es zu mehr Unfällen kommen wird.»

Seines Erachtens werden diejenigen mit einer Handschaltung fahren, die auch damit umgehen können. «Ansonsten setzt man sich gar nicht erst hinters Steuer eines handgeschalteten Wagens», sagt Brändle. Looschelders seinerseits sagt: «Ohne Übung kann man ein Fahrzeug mit Schaltgetriebe wohl gar nicht erst anfahren.»

Fahrschüler sollten beides lernen

Brändle vom «Easy Drive»-Ausbildungs-Center plädiert deshalb dafür, dass Fahrschulen allen Fahrschülern sowohl Fahren mit Automatik als auch mit Handschaltung beibringen, wie er es auch selber handhabt. «Zumindest in der jetzigen Übergangsphase sollten Fahrschulen zwei Fahrzeuge, ein geschaltetes und einen Automaten, anbieten», sagt er.

Dies ist auch Knechts Ausbildungskonzept. Seiner Meinung nach sollten Fahrschüler aber verpflichtet sein, einige Fahrstunden mit geschalteten Fahrzeugen zu absolvieren, um legal damit fahren zu dürfen. Schliesslich lege derzeit die Mehrheit seiner Lernenden die Prüfung mit einem Automaten ab, sagt Knecht. Ähnlich sieht es bei Brändle aus. Er schätzt den Anteil derer, welche derzeit die Automaten-Prüfung ablegen, auf ungefähr 90 Prozent. Ganz anders ist hingegen Looschelders’ Erfahrung: «90 Prozent lernen bei mir mit einem Auto mit Schaltgetriebe.»

Der Trend auf der Strasse geht klar in Richtung Automatikgetriebe. Waren 1990 noch 84 Prozent aller Autos mit Handschaltung unterwegs, so waren es 2017 75 Prozent. Herbert Brändle schätzt, dass sich diese Entwicklung noch beschleunigen wird, zumal Elektro- und Hybridfahrzeug allesamt mit Automatikgetriebe ausgestattet sind. Er begrüsst deshalb die Gesetzesänderung: «Wir müssen mit der Zukunft gehen.»

Für Knecht und Looschelders kommt die Änderung aber zu früh. «Ein Schnellschuss», findet Knecht. Looschelders sagt:

«Man hätte warten sollen, bis der Anteil an Automaten noch weiter angestiegen wäre.»

Bund möchte Elektrofahrzeuge forcieren

Einig sind sich Brändle und Looschelders über die Gründe für die Gesetzesänderung: die Lenkung hin zu mehr Elektrofahrzeugen. «Diese sollen gepusht werden, damit Fahrschulen vermehrt auf Elektrofahrzeuge setzen», ist Brändle überzeugt. Er und Looschelders stehen diesen jedoch kritisch gegenüber. Beide nennen die Herstellung und Entsorgung der Batterien als grosses umweltbelastendes Problem. Und Looschelders fügt einen ganz praktischen Grund hinzu: die Ladezeit. «Ich muss schnell tanken und weiterfahren können.»

Brändle seinerseits hofft auf eine positive Entwicklung von Wasserstoffautos und den beschlossenen Ausbau des entsprechenden Tankstellennetzes. Wasserstoffautos werden mit Elektromotoren angetrieben. Sie erzeugen aber den Strom selber aus der Brennstoffzelle und benötigen dadurch weniger Batterien und sind nicht auf externe Stromversorgung angewiesen.

Freie Fahrt auch mit Autos mit Handschaltung

Wer mit einem Auto mit Automatik-Getriebe fahren gelernt hat, darf sich ab dem 1. Februar neu auch hinter das Steuer eines handgeschalteten Wagens setzen. Während die Fahrlehrer vor Gefahren warnen, nimmt die Polizei dies gelassen.