Seelsorgerin Bettina Flick verlässt Degersheim nach 15 Jahren: «Ich sehe mich als Sterntalermädchen»

Der Abschied naht. Ende Juli wird Seelsorgerin Bettina Flick Degersheim verlassen und in einem Kloster leben.

Andrea Häusler
Drucken
Teilen
Bettina Flick verlässt Degersheim Mitte August. An diesem Wochenende verabschiedet sie sich in den Gottesdiensten von Degersheim, Flawil und Niederglatt von den Menschen, die ihren Weg während 15 Jahre begleitet haben.

Bettina Flick verlässt Degersheim Mitte August. An diesem Wochenende verabschiedet sie sich in den Gottesdiensten von Degersheim, Flawil und Niederglatt von den Menschen, die ihren Weg während 15 Jahre begleitet haben.

Bild: Andrea Häusler

Bettina Flick wartet vor dem Pfarreizentrum, strahlt mit der Sonne um die Wette. Wo ist das weinende Auge, das den Abschied von Gewohnheiten, lieb gewonnenen Menschen und Örtlichkeiten dem Volksmund nach üblicherweise begleitet?

Natürlich sei ihr Degersheim in all den Jahren ans Herz gewachsen, sagt sie. Deswegen, aber auch weil sie in der alternativen (Wohn-)Gemeinschaft Herzfeld Sennrüti eine passende Lebensform gefunden hat, will sie die Zelte vorerst nicht ganz abbrechen.

Ihre Wohnung werde sie untervermieten. Denn egal was die Zukunft bringe:

«Eine neue Stelle fände ich leicht, eine Gemeinschaft wie das Ökodorf nicht.»

Von ihrem Entscheid, sich Mitte August ins Kloster Schwestern der Hl. Klara in Bregenz zu begeben, ist die 54-Jährige nichtsdestotrotz überzeugt. Obwohl sich die Verpflichtung vorderhand auf ein Jahr beschränkt.

Sie habe mehrere Klöster angeschaut, sich hier aber im Gebet am wohlsten gefühlt, begründet die gebürtige Deutsche ihre Wahl und fügt hinzu: «Ich bin voller Vorfreude.»

Raum, um Gott zu erfahren

Bevor und seit Bettina Flick 2005 direkt aus Südamerika nach Degersheim gekommen ist, war ihr Leben in ständiger Bewegung.

Ob als Menschenrechtsbeobachterin in Palästina, als Gastgeberin für Delegationen der philippinischen Partnergemeinde Hingyon in Degersheim, als Initiantin von Pfarreiprojekten oder als Impulsgeberin für spontane Hilfsaktionen – ihre Augen und Ohren schienen überall, ihr Ideenreichtum und der Wille, sich zum Wohle der Menschen in der nahen und weiteren Umgebung einzubringen, unerschöpflich zu sein.

Wohin geht die scheidende Pastoralassistentin mit ihrer Energie und ihrem Tatendrang, wenn die Stille eines Klosters sie umgibt? Bettina Flick lehnt sich zurück, lacht ihr ansteckendes Lachen. Für sie ist alles so klar, dass sie derlei Fragen amüsieren.

«Ich tue das für eine lebendige Christusbeziehung», sagt sie. Und: «Ich freue mich auf die Leere, denn diesen Raum braucht es, um Gott erfahren zu können. Die Kurzaufenthalte in Klöstern haben mir so viel Glück und Freude gebracht, dass ich einfach mehr davon möchte.»

Dennoch blickt Bettina Flick gern auf die intensive Zeit, die Nähe zu den Menschen zurück, aber auch auf das, was sie bewirken konnte. Hätte sie ausserhalb der Klostermauern nicht noch mehr Positives anstossen und Segensreiches ermöglichen können, in Degersheim, der Schweiz und in der Welt?

Man müsse sich so oder so immer wieder aufs Neue entscheiden: «Es ist unmöglich, gleichzeitig allem Genüge tun: Wenn ich in Palästina bin, würde ich zeitgleich auch in Südamerika gebraucht.»

Bettina Flick ist überzeugt, die Menschen auch mit ihren Gedanken, ihren Gebeten stützen zu können und gibt lächelnd zu verstehen: «Ich nehme mich also nicht völlig aus der Verantwortung.»

Der Luxus der völligen Freiheit

Ihre Spuren werden sichtbar bleiben, wenn sie die SEMA verlässt, ihr 50- bzw. 20-Prozent-Pensum als Pastoralassistentin und Spitalseelsorgerin abgibt, Platz macht für das Wirken von Silvan Hollenstein (Pfarreibeauftragter) und Ermin Schluep (Jugendarbeit). Aber sie nimmt auch viele Erinnerungen und einen Schatz an Erfahrungen mit.

Am stärksten beeindruckt habe sie die Bereitschaft der Menschen, sich für die Pfarrei, die Dorfgemeinschaft oder der Kirchgemeinde zu engagieren, sagt sie. Zwar sinke die Zahl der Gottesdienstbesucher, doch wachse der Anteil jener, die sich für kirchliche Projekte zur Verfügung stellen.

So viele Impulse seien spontan aufgenommen und in Aktionen umgesetzt worden, sagt Bettina Flick und erinnert an die Meditationsgruppe, die Männer, die Männeranlässe organisieren, an die spirituelle Wanderungen und Ähnliches. Wobei sie betont: «Dass solches entstehen konnte, hat mit dem Raumgeben zu tun, der Haltung des Teams, nicht mit meiner Person.»

«Ich bin dankbar für alles, was möglich war und dankbar für den Luxus in völliger Freiheit gehen zu dürfen.» All dies sei ein Privileg, ein Geschenk: «Ich fühle mich wie das Sterntalermädchen, das die Hände ausstreckt und dem ohne Zutun grosser Reichtum zufällt.»

Die Leichtigkeit, die innere Freiheit und das tiefe Vertrauen darauf, dass alles gut kommt, hat Bettina Frick nicht zuletzt aus der schweren Krankheit im Winter 2018 gewonnen.

Damals, als sie auf der Intensivstation zwischen Leben und Tod schwebte, sei alle Angst von ihr gewichen und habe einem unbeschreiblichen Glücksgefühl Platz gemacht, erzählt sie.

«Heute kann ich gelassen im Hier und Jetzt leben.»

Damit erübrigt sich denn auch die Frage, wo sich Bettina Flick in fünf oder vielleicht zehn Jahren sieht.