Seelenfrieden und Gerümpel

Mit dem Entrümpeln ist es wie mit dem Gähnen: Es hat etwas ansteckendes. Walter hat es vor kurzem getan, gezwungenermassen. Er ist vom Einfamilienhaus in eine Wohnung umgezogen. An der Jubilarenfeier in Degersheim erzählte er davon.

Andrea Häusler
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Bild: Andrea Häusler

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Mit dem Entrümpeln ist es wie mit dem Gähnen: Es hat etwas ansteckendes. Walter hat es vor kurzem getan, gezwungenermassen. Er ist vom Einfamilienhaus in eine Wohnung umgezogen. An der Jubilarenfeier in Degersheim erzählte er davon. Nicht von den Mühen, dem Verlust alter Erinnerungen, der Herausforderung, unnützen Ballast von be- und erhaltenswürdigem Besitz zu trennen, sondern von Befreiung und Entlastung, neuer Energie, von Aufbruchstimmung gar. Mit ansteckender Begeisterung sprach er über die Wohnung, in der alles seinen Platz und er den Überblick habe. Ausserdem, sagte er noch, habe er selbst bestimmen können, was verschenkt oder verkauft wird, im Müll landet oder ins Brockenhaus kommt.

Klingt gut, geradezu erstrebenswert. Krempel, den hat fast jeder und jede irgendwo herumliegen: sichtbar oder unsichtbar hinter geschlossenen Keller- und Estrichtüren. Dies hat wohl mit der steinzeitlicher Prägung – dem Sammeln, um zu überleben – zu tun. Bloss hat das Anhäufen von allerlei scheinbar Unverzichtbarem wie Schulheften, altem Reisekoffer, Kinderspielzeug, überholten Elektrogeräten, geerbtem Geschirr und verstaubten Andenken keinen Überlebenswert mehr. Das Sammelsurium ist einfach da, weil nie ausgemistet wurde.

Allein schon die Beschäftigung mit der Frage, was denn nötig und was lediglich Ballast ist, braucht Motivation. Oder die Auseinandersetzung mit der Überzeugung der britischen Einrichtungs- und Lebensberaterin Karen Kingston, die sagt: «Ihre Wohnung oder Ihr Haus ist eine dreidimensionale Repräsentation Ihres Lebens. Ihre Innenwelt und Ihre Aussenwelt entsprechen sich.» Vielleicht trifft dies zu, wäre jedenfalls eine schlüssige Erklärung für Walters aufgeräumte Stimmung im Kreis der Jubilare.

Sich nicht zu viel vornehmen, klein beginnen. In dieser Empfehlung sind sich die Experten einig. Geeignet wäre da allenfalls das Portemonnaie: Quittungen ausräumen, abgelaufene Rabattcoupons entfernen, Fremdwährungsmünzen aussortieren und die Noten nach ihrem Wert einordnen. Die erhoffte Leichtigkeit stellt sich sogleich ein, und die finanziellen Angelegenheiten sind auch schon mal in Ordnung gebracht. Zugegeben: Schlecht für den Seelenfrieden ist das nicht.

andrea.haeusler@wilerzeitung.ch