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Die Oberbürer Jäger haben an acht Morgen sechs Rehkitze vor dem Tod gerettet

Frühmorgens sind die Jäger des Reviers Oberbüren dieser Tage unterwegs – für die Rehkitzrettung. Bevor die Landwirte mähen, suchen sie mit Drohne und Wärmebildkamera nach den jungen Tieren im hohen Gras. Die «Wiler Zeitung» hat sie begleitet.
Zita Meienhofer
Stefan Lustenberger, einer der Läufer, bringt das zweite Rehkitz in Sicherheit. (Bilder: Zita Meienhofer)

Stefan Lustenberger, einer der Läufer, bringt das zweite Rehkitz in Sicherheit. (Bilder: Zita Meienhofer)

4 Uhr. Ebersol. An einem Waldrand zwischen den Weilern Ebersol und Staubhausen in der Gemeinde Oberbüren treffen sich Roman Taiani, Stefan Bodmer, Stefan Lustenberger und Felix Bodmer von der Jagdgesellschaft Oberbüren zur Rehkitzrettung. Vor rund einem Monat haben sie die Landwirte darüber informiert, dass die Jagdgesellschaft über eine Drohne mit Wärmebildkamera verfügt mit der die Rehkitze ausfindig gemacht und vor dem Mähen aus dem hohen Gras gerettet werden können. Es ist stockdunkel. Einzig die Stirnlampen der Jäger leuchten – und der Monitor der Drohne. Roman Taiani trägt eine Leuchtweste mit der Aufschrift «Drohne». Er steuert die «fliegende Kamera». Die anderen Jäger haben sich nässeresistente Hosen – Regenhosen oder Fischerstiefel – angezogen. Weshalb, das wird bereits nach wenigen Minuten spürbar. Die Drohne fliegt über das zwei Hektaren grosse Feld, das in ein paar Stunden gemäht wird. Nach wenigen Minuten leuchtet auf dem Monitor ein roter Punkt auf. «So, Männer, jetzt müsst ihr ins Feld», sagt Roman Taiani. Zwei Jäger begeben sich ins kniehohe, nasse Gras. Wer nun keine entsprechende Ausrüstung hat, dessen Schuhe und Hosen sind nach wenigen Sekunden völlig durchnässt. Stefan Bodmer und Stefan Lustenberger, die Läufer, begeben sich zum Ort, über dem die blinkende Drohne kreist, suchen nach einem Rehkitz. Es dauert einige Minuten bis Stefan Bodmer Entwarnung gibt. «Es ist ein 30 Zentimeter tiefes Loch, das von Tieren gegraben worden ist und voraussichtlich noch Wärme ausstrahlt», erklärt er. Nach einer Viertelstunde ist die Drohne wieder vor Ort. Es geht an den nächsten Ort.

Der rote Punkt auf dem Monitor zeigt eine Erwärmung – den Körper eines Kitzes.

Der rote Punkt auf dem Monitor zeigt eine Erwärmung – den Körper eines Kitzes.

4.35 Uhr. Gstaldenstrasse oberhalb Oberbüren in der Nähe des Waldrands. Es dämmert. Auch dieser Landwirt, hatte am Vortag bei Roman Taiani mit der Bekanntgabe der entsprechenden Feldnummer angekündigt, dass er dieses Wiesland mähen wird. An diesem Morgen seien es elf Grundstücke, die abgesucht werden müssen, erklärt Roman Taiani. Auf dem Monitor leuchten vereinzelt rote Flecken auf. Taiani weiss aus Erfahrung und durch seine Ausbildung, dass dies keine Rehkitze sind. «Das sind Steine, die noch Wärme ausstrahlen», erklärt er. Nach wenigen Minuten hat er das ein Hektare grosse Wiesland mit der Drohne überflogen.

4.50 Uhr. Spitzrüti. Es ist bereits hell. Die Morgenstimmung ist wunderschön. Allerdings herrscht keine Stille. Der Generator scheppert, denn der Akku der Drohne muss geladen werden. Dieser reicht für eine halbe Stunde, die Ladezeit beträgt eineinhalb Stunden. Der Landwirt hat zwei benachbarte Felder zur Rehkitzsuche angemeldet. Eines ist etwa drei Hektaren gross, das andere zwischen fünf und sechs. Bereits vergangene Wochen plante der Bauer, hier das Gras zu mähen. Das Grundstück wurde deshalb schon einmal überflogen. Da allerdings der Boden zu nass war, verschob der Landwirt sein Vorhaben und hat einzig einen Streifen gemäht. Roman Taiani rechnet deshalb nicht damit, dass sich im Gras Rehkitze befinden. Er wird Recht behalten.

Roman Taiani steuert die Drohne. Ausgebildet ist auch Felix Bodmer (2.v.l.).

Roman Taiani steuert die Drohne. Ausgebildet ist auch Felix Bodmer (2.v.l.).

5.13 Uhr. Oberes Gstalden. Es ist kalt, auf dem Monitor der Drohne wird fünf Grad angezeigt. Schnell hat Taiani die Hektare überflogen. Er ist ein geübter Pilot, hat er doch auch bei seiner beruflichen Tätigkeit Drohnen zu fliegen. Trotzdem wurde er für das Drohnen-Fliegen geschult, gemeinsam mit Felix Bodmer und Daniel Näf, die ebenfalls für die Jagdgesellschaft die Drohne steuern. Sie wiegt drei Kilo. Bei einem Gewicht von über 30 Kilogramm muss die Drohne beim Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) angemeldet werden.

5.27 Uhr. Bürerwald. «Hier vermute ich Rehkitze», sagt Roman Taiani, bevor er seine Drohne startet. Es sind etwa sechs Hektaren, die er abfliegt. Während den Jägern Kaffee serviert wird, leuchtet auf Taianis Bildschirm nichts Besonderes auf. Doch dann folgt plötzlich sein Aufruf: «Männer, ihr müsst ins Feld». Am Waldrand ist ein roter Punkt sichtbar. Wiederum laufen die Jäger durchs kniehohe Gras. Am Waldrand schreckt eine Rehgeiss und verschwindet ganz im Gebüsch. Es ist nichts zu sehen. Doch Roman Taiani lässt nicht locker. Per Funk gibt er Anweisungen: «Noch etwas mehr links, noch ein bisschen, jetzt müsstet ihr darauf stehen». Tatsächlich. Ganz versteckt unter dem hohen Gras sitzt ein junges Rehkitz. Es ist etwa vier Tage alt. Die Jäger ziehen die Handschuhe an. Das Kitz darf nicht mit nackten Händen berührt werden, da die «Rehmama» es möglicherweise nicht mehr annehmen würde. Stefan Bodmer markiert das Kitz am Lauscher, trägt es an den Feldrand und stülpt die Harasse über das gerettete Tier. Damit es in Sicherheit bleibt, bis der Landwirt das Feld gemäht hat, wird die Harasse mit Ankern gesichert. Die ebenfalls angebrachte Fahne dient dazu, dass für den Landwirt schnell sichtbar ist, wo sich das Rehkitz befindet.

Das erste Rehkitz, das die Oberbürer Jäger dank der Drohne gerettet haben.

Das erste Rehkitz, das die Oberbürer Jäger dank der Drohne gerettet haben.

6.03 Uhr. Junggetschwil. Der Landwirt begrüsst die Jäger unter der Stalltüre. Er habe bereits verblendet, informiert er. Verblenden war die bislang übliche Methode der Landwirte. Dabei werden Säcke, die an Stecken festgemacht wurden, in die Erde gesteckt. Durch das Geräusch, das der flatternde Sack verursacht, soll das Rehkitz aus dem hohen Gras vertrieben werden. Die zwei Hektaren sind schnell abgesucht. Das Revier der Jagdgesellschaft Oberbüren ist 1669 Hektaren gross. Die Rehkitzrettung mit der Drohne wird zurzeit nur innerhalb des Reviers durchgeführt.

6.15 Uhr. Höfrig-Grund. Dieses Grundstück gehört zur Gemeinde Gossau, liegt jedoch im Revier der Oberbürer Jäger. Vier Hektaren müssen abgesucht werden. Das erweist sich hier nicht als ganz einfach. Ständig kreist ein Milan um die Drohne, sieht diese als Bedrohung und will sie angreifen. Roman Taiani muss gut aufpassen, dass er dem Vogel ausweichen kann.

An dem Ort, wo sich die Drohne befindet, müssen die Jäger nach dem Kitz suchen.

An dem Ort, wo sich die Drohne befindet, müssen die Jäger nach dem Kitz suchen.

6.43 Uhr. Glatttal. Die Natur präsentiert sich auf eine wunderbare Weise. Auf der vom Wald umringten Grasfläche schwebt Bodennebel, auf den die Sonne leuchtet. Eine besondere Stimmung. Schon bald leuchtet auf dem Monitor ein roter Punkt am Waldrand. Wiederum gibt Taiani seinen Kollegen das Zeichen zum Loslaufen. Als die den Waldrand erreichen, ertönt ein lautes Schrecken eines Rehbocks, der erschrocken aus dem Dickicht flüchtet. Es folgen über Funk genaue Anweisungen des Piloten und schon bald entdeckt Stefan Lustenberger das kleine Rehkitz. Als er es in Sicherheit bringt, reagiert das etwa zwei Tage alte Reh nicht, lässt es mit sich geschehen, wie wenn es fühlen würde, dass es gerettet wird. Die Jäger suchen nach einem zweiten Kitz, wie auch schon beim ersten Mal. «Es ist üblich, dass die Rehgeiss zwei Kitz setzt», erklärt Stefan Bodmer. Aber auch hier ist kein zweites Jungtier zu finden. Wiederum wird das Rehkitz am Lauscher markiert und unter der Harasse gesichert.

7.25 Uhr. Rüti. Es wird allmählich warm. «Höchste Zeit, dass wir bald alle elf gemeldeten Wiesen abgesucht haben», sagt Taiani. Im Kanton St. Gallen sind die Oberbürer Jäger die einzigen, die die Rehkitze mit einer Drohne suchen. Die Initiative ist auch auf privater Ebene erfolgt. Im Unterschied zu den Kantonen Graubünden und beider Appenzell wird im Kanton St. Gallen die Rehkitzrettung nicht vom Kanton unterstützt. Für die rund 20000 Franken, die die Drohne samt Equipment der Oberbürer Jäger kostet, kam eine Privatperson auf.

Unter der Harasse sind die Kitz sicher. Der Landwirt lässt sie nach dem Mähen frei.

Unter der Harasse sind die Kitz sicher. Der Landwirt lässt sie nach dem Mähen frei.

7.50 Uhr. Ebnet. Es ist die letzte Station. Schnell ist das Feld abgeflogen. Anschliessend kontaktiert Roman Taiani alle Landwirte, informiert sie über die Funde, wo die Harasse allenfalls stehen und wo sie der Landwirt zu deponieren hat. Im Verlauf des Tages werden die Utensilien von den Jägern wieder eingesammelt. Nach getaner Arbeit geht es in die Jagdhütte zu einem Kaffee und zur Besprechung des Einsatzes. Bislang waren die Oberbürer Jäger an acht Morgen unterwegs. Gerettet haben sie sechs Kitze. «Allerdings», so Taiani, «nutzen noch nicht alle Landwirte unser Angebot, obwohl sie nur ein Telefon zu tätigen hätten». Letzte Woche hatten sie dann auch auszurücken, um ein Kitz zu erschiessen, dem das Mähwerk die Hinterläufe abgeschnitten hatte. Bis zum 15. Juni wird die Drohne am Boden bleiben. An jenem Termin ist sie dann wohl wieder sehr gefragt. Ab diesem Datum dürfen die Öko-Flächen gemäht werden, oft Wiesland mit hohem Gras an Waldrändern. Die meisten Rehkitze sind bis dann zwar gesetzt, doch vereinzelt könnten sie noch im Gras liegen.

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