Schwelgen unter der Discokugel

Worin unterscheidet sich eine Oldies-Disco vom Clubbing der Gegenwart ausser dadurch, dass Oldies aus den Boxen dröhnen und sich Oldies auf der Tanzfläche bewegen? Zum Beispiel durch die Initiative der Teilnehmer: An einer hundskommunen Party heutzutage stehen die Leute erst mal an der Bar rum,

Pablo Rohner
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Zeitlose Magie: Vom ersten Takt an füllte sich die Tanzfläche. (Bild: Pablo Rohner)

Zeitlose Magie: Vom ersten Takt an füllte sich die Tanzfläche. (Bild: Pablo Rohner)

Worin unterscheidet sich eine Oldies-Disco vom Clubbing der Gegenwart ausser dadurch, dass Oldies aus den Boxen dröhnen und sich Oldies auf der Tanzfläche bewegen? Zum Beispiel durch die Initiative der Teilnehmer: An einer hundskommunen Party heutzutage stehen die Leute erst mal an der Bar rum, beobachten und kippen zwei, drei Drinks, bevor sie sich ins Schaufenster Tanzfläche wagen. Ganz anders an der Oldies-Disco des Radteams Krüger in der Mehrzweckanlage Steinegg in Degersheim. Binnen einer halben Stunde glühte das Parkett am Samstag unter den Schrittfolgen der Tanzenden. Herumwirbelnde Paare, Einzelstepper und geschmeidige Groovekatzen sorgten sofort für buntes Gewimmel unter der Discokugel. Warum ist der Weg von der Garderobe auf die Tanzfläche an der Oldies-Disco so kurz?

«Saturday Night Fever»

Ein Blick auf das Lebensstadium des Partyvolkes könnte helfen, diese Frage zu beantworten. Man hat schon vieles gesehen, keine Zeit mehr zu verlieren und befindet sich (idealerweise) nicht mehr auf Brautschau. Somit entfallen ausgedehntes Abchecken des Beuteangebots und an die Bar gelehnte Demonstration der eigenen Coolness. Wer kommt, kommt, um zu tanzen, und nur dafür.

Ebenso gut funktioniert eine Erklärung von der Musik her. DJ Best spielt den Soundtrack ihrer Jugend, einen ganzen Abend lang, Hit an Hit gereiht. Hier kann man es mal wieder spüren, das alte Fieber, das «Saturday Night Fever». Entfacht wird es von Marvin Gaye, John Fogerty und Boney M., von den Beatles, Kinks und Creedence Clearwater Revival – manche davon waren schon Oldies, als die anderen erst ihren Eroberungszug durch die Charts antraten.

Eine regionale Szene

So ähnlich würde auch Tom Dürr, Präsident des Radteams Krüger, das Erfolgsrezept ihrer Retrodisco erklären. Die Idee entstand auf dem Bikeweekend im Hebst 2013, und schon im darauffolgenden Frühling wurde sie umgesetzt. Die meisten im Vorstand kämen aus dem «Alterssegment der Zielgruppe», sagt Dürr.

Ausserdem fänden sich im Radteam einige Musikliebhaber und Freizeittänzer, so sei man darauf gekommen. Mit ähnlichen Veranstaltungsreihen im nahen Restaurant Moosbad, im Lindensaal in Flawil und auch in Uzwil konnte sich die Degersheimer Oldies-Disco zudem in eine Art Szene einreihen – eine wertvolle Starthilfe für den Event. Viele Gäste sähen sich in Degersheim nicht zum ersten Mal, sagt Dürr.

Kurzhaar statt Mähne

Auf welche Weise man sich auch immer dem Phänomen Oldies-Disco zu nähern versucht, am Samstag bewiesen die 60er, 70er und 80er, dass ihr Bann ungebrochen wirkt. Zwischen bunt blinkenden Lichterketten und Lampiongirlanden wurde getanzt, als wäre die Zeit stehen geblieben, und in den Gesichtern, von euphorisiert bis tranceartig mit geschlossenen Augen, manifestierte sich die Magie der Musik.

Und auch wenn inzwischen eine graumelierte Kurzhaarfrisur zu Berge steht, wo einst stolz die geföhnte Mähne wehte: In dieser Nacht unter der Discokugel war wieder alles wie früher. Mit blumengemusterter Schlaghose und Sonnenbrille.

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