Schulratspräsidium: Ein Patt

Beim zweiten Wahlgang um das Schulratspräsidium treten Jutta Röösli (parteilos), Klaus Rüdiger (SVP) und Praxedis Schär (CVP) an. Der Dreikampf reduziert sich allerdings auf ein Duell. Leitartikel von Philipp Haag

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Am übernächsten Sonntag bestimmt das Wiler Stimmvolk, wer die Nachfolge von Marlis Angehrn (CVP) im Schulratspräsidium antritt. Drei Kandidierende stellen sich der Wahl: Jutta Röösli (parteilos), Klaus Rüdiger (SVP) und Praxedis Schär-Bollhalder (CVP).

Der Dreikampf ist aber nur vermeintlich eine Ausmarchung unter drei Kandidierenden. Praxedis Schär werden nur geringe Chancen eingeräumt. Sprichwörtlich in letzter Minute und gegen den Willen ihrer Partei, der CVP, als wilde Kandidatin für den zweiten Wahlgang angetreten, ist es ihr nicht gelungen, das Defizit an Beachtung aufzuholen. Jutta Röösli und Klaus Rüdiger hatten sich bereits dem ersten Wahlgang vom 18. Mai gestellt. Sie haben also drei Monate Wahlkampf hinter sich. Obwohl in Wil aufgewachsen und gut vernetzt, bleibt die 57Jährige für viele Wilerinnen und Wiler eine Unbekannte. Die Schulrätin versteht ihre Kandidatur als Dienst an den Schulen und der Stadt. Ihr fehlte aber die Zeit, ihre Positionen klar und deutlich bekannt zu machen. Übrig bleiben etliche Fragezeichen. Auch wird bezweifelt, ob die Zivilschutzinstruktorin und ehemalige Lehrerin an der Schule für Psychiatrische Krankenpflege an der Klinik Wil die Voraussetzungen mitbringt, ein so anspruchsvolles Amt wie das Schulratspräsidium/Stadtratsmandat zu bewältigen. Daran ändert auch die offizielle Unterstützung der Grünen Prowil nichts, die sich nach dem Rückzug der eigenen Kandidatin Esther Spinas für die wilde CVP-Kandidatin ausgesprochen haben.

Knapper erster Wahlgang

Der Dreikampf reduziert sich damit zu einem Zweikampf. Im Duell Jutta Röösli gegen Klaus Rüdiger sind die Spiesse gleich lang. Der erste Wahlgang ging knapp aus. Jutta Röösli liess mit einer Differenz von 240 Stimmen Klaus Rüdiger leicht hinter sich. An den fachlichen Qualitäten der beiden bestehen keine Zweifel. Beiden wird zugetraut, mit ihrem beruflichen Rucksack das Amt gut ausüben zu können. Klaus Rüdiger konnte im Wahlkampf für den zweiten Urnengang durch einen geschickten Schachzug an Aufmerksamkeit hinzugewinnen. Er setzt sich als Familienvater in Szene, holt seine beiden Adoptivkinder an die Öffentlichkeit, obwohl er zu Beginn betont hatte, die Familie habe in einem Wahlkampf nichts zu suchen. Klaus Rüdiger und sein Umfeld änderten im zweiten Teil des Wahlkampfs die Strategie: Sie verlagerten die Prioritäten vom Schulratspräsidium auf das Stadtratsmandat. Sie rückten Aspekte wie Finanzen und Sicherheit, zwei typische SVP-Themen, in den Fokus. Jutta Röösli konnte dieser Strategieänderung nichts entgegensetzen. Sie und ihr Unterstützungskomitee intensivierten zwar ihre Präsenz auf der Strasse, inhaltlich konnte sie allerdings keine Kontrapunkte setzen. Sie legte sich bei Fragen weiterhin nicht im Detail fest, obwohl viele Einwohnerinnen und Einwohner klare Positionierungen von ihr erwarteten.

Verbale Angriffe

Das Unverbindlich-Bleiben spielte den Gegnern von Jutta Röösli in die Karten. Sie nutzten es für Angriffe, um sie zu diskreditieren. In den Leserbriefen nahm die Heftigkeit in der Tonalität zu, überstieg bei einzelnen Schreibern das Mass des Anstands. Von einem Personenkult zu sprechen und Jutta Röösli wegen ihres Quereinstiegs als Parteilose (ohne vorher auf kommunaler Ebene Politik betrieben zu haben) als Sargnagel der parlamentarischen Demokratie darzustellen, ist Nonsens. Es propagiert beinahe indische Verhältnisse, zeigt ein Kasten-Denken auf, demzufolge nur amtierende oder ehemalige Parlamentarier befähigt und somit berechtigt sind, ein Amt in der Exekutive anzutreten. Das Lager von Jutta Röösli verzichtete weitgehend auf verbale Attacken.

Die mangelnde Erfahrung in der Wiler Politik ist eine Schwäche von Jutta Röösli. Unkenntnis der politischen Abläufe ist ihr aber nicht vorzuwerfen. Als Leiterin der Personalentwicklung der Stadt Winterthur arbeitete sie bis vor kurzem Seite an Seite mit dem Stadtrat. Auch aus ihrer Tätigkeit im Vorstand der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Berufs- und Studienberatung kennt sie die Schnittstelle von Politik und Verwaltung. Ihre Parteilosigkeit – Jutta Röösli hat versichert, nach einer allfälligen Wahl der SP, welche sie offiziell portiert, nicht beizutreten – macht die Aufgabe in der Exekutive nicht einfach. Der 50Jährigen fehlt die Hausmacht. Doch in der Schulpolitik sollte Parteipolitik nur eine untergeordnete Rolle spielen. Sachpolitik ist massgebend. Jutta Röösli kann ungeachtet parteipolitischer Prägungen und Abwägungen agieren. Notwendig ist allerdings eine parteiübergreifende Basis im Parlament, ein Netzwerk, welches das Eingehen von Koalitionen ermöglicht. Auch bei weiteren städtischen Themen und Geschäften ist sie keiner Partei verpflichtet. Sie muss nicht contre cœur einen Standpunkt vertreten.

Jutta Röösli verfügt aus ihrer zehnjährigen Tätigkeit als Leiterin der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung des Kantons St. Gallen mit 100 Mitarbeitenden über Management-Qualitäten und ein hohes Mass an Führungserfahrung. Führungsqualität ist der Punkt, bei dem bei Klaus Rüdiger Fragezeichen gesetzt werden. Der 55Jährige unterrichtet seit mehr als 20 Jahren an der Kantonsschule Zug die Fächer Geschichte und Politische Bildung und ist im Fachvorstand Geschichte/Politische Bildung aktiv. Klaus Rüdiger kennt den Wiler Politikbetrieb bestens. Seit neun Jahren sitzt er für die SVP im Stadtparlament, wobei er vier Jahre die Einbürgerungskommission sowie fünf Jahre die Geschäftsprüfungskommission (GPK) präsidierte. Besonders aus der Zeit als GPK-Präsident bringt Klaus Rüdiger die Fähigkeit mit, die parteipolitische Brille abzulegen und Geschäfte über die Parteigrenzen hinweg anzugehen. Er hat bewiesen, komplexe Geschäfte verlässlich, pragmatisch und mit Sachverstand behandeln zu können.

Beim Departement Bildung und Sport handelt es sich aber mit einem Budget von 40 Millionen Franken, mit 300 Mitarbeitenden und 2000 Schülerinnen und Schülern um einen veritablen KMU-Betrieb. Bei derartigen Dimensionen ist die Führungserfahrung Jutta Rööslis höher zu gewichten als die politische Erfahrung Klaus Rüdigers.

Das Recht auf Vergessen

Wer sich für ein öffentliches Amt bewirbt, hat trotz dem gestiegenen Interesse an seiner Person das Recht auf Vergessen. Dies betrifft sowohl Jutta Rööslis aufgrund einer Indiskretion an die Öffentlichkeit gelangte Bewerbung als städtische Kulturbeauftragte vor über einem Jahr als auch Klaus Rüdigers 15 Jahre zurück liegende Mitgliedschaft beim VPM, obwohl bezweifelt wird, seine innere Abgrenzung halte Gleichschritt mit seiner öffentlich geäusserten Distanzierung. Ein schaler Nachgeschmack bleibt bei der Lancierung von Praxedis Schärs Kandidatur. Nicht wenige vermuten hinter der Bewerbung ein Manöver der SVP, um Jutta Röösli Stimmen abspenstig zu machen. Den Frauenbonus – viele wünschen sich wiederum eine Frau im Schulratspräsidium – hat Jutta Röösli verloren. Die Kathi-Frage spielte im Wahlkampf eine wichtige Rolle. Ein Rezept für die Lösung der vertrackten Situation konnten aber weder Jutta Röösli noch Klaus Rüdiger liefern. Das Kathi entscheidet die Wahl nicht. Entscheidend wird sein, wessen Lager seine Wählerinnen und Wähler besser motivieren kann, am 6. Juli an die Urne zu gehen.

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