SCHLIESSUNG: Sie gehörten zum Dorf

Die Metzgerei Eigenmann und das Textilgeschäft von Silvia Bernhart haben über Jahrzehnte das Gewerbe in der Gemeinde Degersheim geprägt. Jetzt ist für immer Schluss.

Michael Hug
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Sepp und Vreni Eigenmann mit den letzten Landjägern aus Wolfertswil. (Bilder: Michael Hug)

Sepp und Vreni Eigenmann mit den letzten Landjägern aus Wolfertswil. (Bilder: Michael Hug)

Michael Hug

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Am Mittwoch vor Silvester wird Metzgermeister Josef Eigenmann seine letzten Landjäger und Bauernschüblig in den Rauch hängen. Drei Tage später wird er die Ofentüre zum letzten Mal öffnen und die geräucherten Würste herausnehmen. Jede einzelne, wunderbar duftende Wurst wird dann schon verkauft sein. Metzger Eigenmann musste sich in den letzten Jahren um den Absatz seiner Produkte keine Sorgen machen. Die Rohwürste, Bratwürste, Cervelats und seinen berühmten Hackbraten wird er vermissen – und seine Abnehmer werden ihn zu kurz haben. Ihn, der den besten Hackbraten weit und breit gemacht hat und dessen Würste die schmackhaftesten waren. So jedenfalls lautet das Urteil vieler, die ihn und seine Waren gekannt haben.

«Ein paar Wochen später werde ich vergessen sein», winkt Josef Eigenmann ab. Womit er wohl nicht unrecht hat. Würden die Konsumenten sich beim Einkaufen so verhalten, wie sie vorgeben, nämlich loyal und der Region und den Produkten aus dem eigenen Dorf verbunden, gäbe es die Metzgerei in Wolfertswil noch und alle Metzgereien auf dem Land. Dann hätte er keine Mühe mit der Nachfolge und hätte schon vor zehn Jahren bei seiner Pensionierung in den Ruhestand gehen können. «Das Einkaufsverhalten hat sich stark verändert», sagt Eigenmann. Eine Feststellung, die ihm schon lange klar war. Deshalb hat er auch nie einen Nachfolger gesucht, den Laden damals geschlossen und nur noch das hergestellt, was gefragt war. Würste und Hackbraten. Seinen Hackbraten verkaufte er an Private: «Denen rief ich jeweils an, ob sie wollen, und immer ging alles schlank weg.»

Ein Hobby wurde zum Beruf

38 Jahre hat Silvia Bernhart im Dorf Degersheim ihr Geschäft für Textilien, Dessous und Mercerie betrieben. «Es war eigentlich immer ein Hobby», sagt sie, «ein Hobby das zum Beruf wurde.» Sie musste damals, 1978, schnell zugreifen, als ihr die Vorgängerin, «Fräulein Bleiker», das Angebot zur Übernahme machte. «Sie kannte mich als Kundin und wusste, dass ich gerne mit Textilien zu tun hatte.» Silvia Bernhart griff zu und hat es all die Jahre nicht bereut: «Dank der langjährigen treuen Stammkundschaft.»

Dabei hatte sie ein erstaunliches Angebot in ihrem Laden an der Ilgenstrasse. Ein Laden, der ziemlich anachronistisch aussieht, ein Türglocke hat und einen grossen Korpus mittendrin. Die Auswahl ist gross, jede Ecke und Ablage im Laden ist mit Waren belegt, sogar eine Nähmaschine ist im Angebot, daneben findet die Hausfrau Fadenspulen, Socken und Büstenhalter.

Bernharts textiler Mikrokosmos ist ein «Tante-Emma-Laden» wie er im Buch steht, nur dass hier keine Lebensmittel angeboten werden, sondern alles, was mit Textilien zu tun hat. Silvia Bernhart hat gute Zeiten erlebt, erinnert sich aber auch an ein negatives Erlebnis: «Das war der Überfall!» Es geschah vor ein paar Jahren, ein maskierter Räuber sei in den Laden gekommen und habe sofort an die Kasse gewollt. Da sie aber nie eine Kasse hatte, sei der Mann erst mal total konsterniert gewesen. «Diesen Moment habe ich genutzt und bin nach hinten ins Lager gerannt», erzählt sie. Der Räuber sei dann mit ein paar hundert Franken aus der Schublade abgehauen.

Jetzt sei es halt so weit, meint sie mit Ironie: «Dank des Internets und weil jeder ein Auto hat, hat man vergessen, im eigenen Dorf einzukaufen.» Für Silvia Bernhart ist jetzt die Zeit gekommen aufzuhören.

38 Jahre hat Silvia Bernhart ihr Textilgeschäft betrieben.

38 Jahre hat Silvia Bernhart ihr Textilgeschäft betrieben.