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Scherenschnitte mit der Motorsäge

Der Wahnsinn beginnt frühmorgens um Viertel nach acht. Zwanzig Vier- bis Sechsjährige rennen auf den Eingang zu, ein Gedränge und Gezerre, schreiend stürmen sie ins Kindergartenzimmer.
Michael Hug
Dominic Deville gibt Frontalunterricht im ausgedienten Degersheimer Hallenbad. (Bild: Michael Hug)

Dominic Deville gibt Frontalunterricht im ausgedienten Degersheimer Hallenbad. (Bild: Michael Hug)

Der Wahnsinn beginnt frühmorgens um Viertel nach acht. Zwanzig Vier- bis Sechsjährige rennen auf den Eingang zu, ein Gedränge und Gezerre, schreiend stürmen sie ins Kindergartenzimmer. Natürlich muss Herr Deville eingreifen und für Ordnung sorgen, erst müssen Jäckchen und Stiefelchen in die Garderobe versorgt und das Znünisäckchen aufgehängt werden. Die Kiddies bestürmen ihren Kindergärtner, erzählen, was los war auf dem Weg, wollen alles andere, nur nicht sich setzen. So geht das jeden Tag zu und her im Kindergarten von Herrn Deville. Es ist zum wahnsinnig werden.

Ein Machtwort sprechen

Bei all diesem Chaos möchte man laut werden, ein Machtwort sprechen. Doch als Vorbildperson darf man sich nicht zu unbedarften Äusserungen hinreissen lassen. Das macht stets schnell die Runde, und am Abend hat man die aufgeschreckten Eltern am Telefon. Dominic Deville weiss sich auch im Hallenbad von Degersheim – womit der Verein Kulturpunkt sich seinem Instinkt für aussergewöhnliche Schauplätze treu blieb – einigermassen beherrscht auszudrücken, wenn auch der aufgestaute Ärger öfters durchdrückt. Doch er sichert sich ab und sucht Verbündete im Bassin. Die Hälfte der Anwesenden ist in einem Lehrberuf tätig, sie wissen, wovon der Mann spricht. Der wiederum ist neben seinem Hauptberuf, der längst zum Nebenberuf geworden ist, auch Kabarettist, Hobbypunkrocker und Alleinunterhalter.

Mehrwöchige Schreikrämpfe

In seiner Biographie schreibt er von mehrwöchigen Schreikrämpfen und einer Schulzeit als Klassenclown. Nach seiner Diplomierung als Kindergärtner (1996) versuchte er, Beruf und Bühne strikt zu trennen, was ihm vorerst auch gelang. In seinem Bühnenprogramm «Kinderschreck!» macht er das nicht mehr. Er berichtet vom realen täglichen Wahnsinn in seinem Kindergarten, erzählt vom Alltag mit zwanzig Kindern, von zähen Elterngesprächen und feuchten Waldspielplätzen, von turbulenten Kindergeburtstagen und moralisierenden Märchenstunden. Er behält dabei nicht immer die Contenance, schickt aufmüpfige Kinder vor die Türe oder gleich nach Hause. Am 1. April, spielte Deville seine Show im Degersheimer Hallenbad – ein skurril-fröstelndes Setting.

Schauermärchen der dritten Art

Dann zeigt Deville, wie man im modernen Kindergarten Märchen erzählt: mit Schauergeschichten der dritten Art. Wie man kreative Scherenschnitte macht: mit der Motorsäge. Wie man heutzutage im Halbkreis Morgenlieder singt: mit Punksongs. Den Punk braucht Deville, der selbst einen sechsjährigen Sohn hat, als Ventil und Psychohygiene, denn sonst würde er wohl durchdrehen. Die Zuschauenden leiden und lachen mit ihm. Der gepeinigte Kindergärtner bietet ihnen eine One-Man-Bühnenshow der superschrägen Art und macht ihnen Mut, sich selbst wichtiger zu nehmen. Zuweilen grenzt die Vorstellung an eine Freak-Show, insbesondere am Schluss, wo Deville sich sein T-Shirt vom Leibe reisst und sich als Jesus Christ Superstar im stillgelegten Hallenbad inszeniert. Das wirkt im leeren Schwimmbecken so richtig schön grotesk. Wenn jetzt noch jemand Wasser einlaufen lassen würde, so ganz sacht und lauwarm, sie hätten es für einen Teil der Show gehalten. Bestimmt nicht für einen Aprilscherz.

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