«Scheiss Bullen»: Ein langjähriger Polizist mit Bütschwiler Wurzeln berichtet in einem Buch über Erfahrungen mit Polizeihassern

Andreas Widmer greift in seinem Buch das Thema Feindbild Polizei auf und lässt auch Polizeihasser zu Wort kommen. Der pensionierte Polizist und Experte für Linksextremismus setzt auf Dialog und Verständnis.

Dinah Hauser
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Der langjährige Polizist Andreas Widmer hat in seinem Buch «Scheiss Bullen» die Erfahrungen mit dem Feindbild Polizei niedergeschrieben.

Der langjährige Polizist Andreas Widmer hat in seinem Buch «Scheiss Bullen» die Erfahrungen mit dem Feindbild Polizei niedergeschrieben.

Bild: Dinah Hauser

Er hat die offene Drogenszene am Platzspitz hautnah miterlebt und war bei zahlreichen Demonstrationen, Fussballspielen und politischen Veranstaltungen für die polizeiliche Einschätzung der Lage verantwortlich. Rund 38 Jahre war Andreas Widmer, beheimatet in Bütschwil, bei der Stadtpolizei Zürich tätig.

Der pensionierte Polizist und Experte für Linksextremismus thematisiert in seinem Buch «Scheiss Bullen» das Feindbild Polizei und erzählt aus seinem Alltag zwischen Hass und Gesetz.

Vom Streifenpolizist zum Linksextremismusexperten

Nach zwölf Jahren Streifendienst wechselte der heute 60-Jährige in einen Spezialdienst. Ob Demonstrationen, Fussballspiele oder politische Veranstaltungen: Er war mit seinem Team dafür zuständig, sogenannte Lagebilder zu erstellen. Also wie viele Teilnehmer erwartet werden und welche Szenarien eintreten können.

So ist Widmer zum Experten im Bereich Linksextremismus geworden, war bei Hausbesetzungen vor Ort oder beschaffte Informationen über nicht angemeldete und illegale Veranstaltungen.

Anderes Weltbild

Hausbesetzer hätten ein ganz anderes Weltverständnis als der durchschnittliche Bürger und Fussballhooligans politisierten zunehmend mehr, sagt Widmer. «Das muss man spüren und wissen. Nur so kann ein Polizist verhältnismässig auf die Gegenseite zugehen.» Er setzte auf Dialog und Verständnis. Zuweilen müsse ein Polizist auch Grenzen aufzeigen, aber nicht immer gleich Schranken aufziehen. Mehr Einschränkungen führten nur zu Gegenreaktionen.

Auch im Umgang mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen sei Fingerspitzengefühl gefragt. «Sie sind vielschichtig und mulitfunktionell engagiert.» So könne jemand beim Tierschutz aktiv sein und gleichzeitig bei einem Anlass gegen die SVP mitmarschieren. Vor allem seien die jungen Menschen aber flexibel und auf die aktuellen Themen fokussiert.

Zur Person

Andreas Widmers Vater stammt aus der Gemeinde Bütschwil-Ganterschwil, Widmer selbst ist mit zehn Geschwistern in Gommiswald aufgewachsen. Bis ins Alter von 19 Jahren lebte er mit seinen Brüdern in einem Fünfer-Zimmer. Nach einer Maler-Tapezierer-Lehre zog es den damals 22-Jährigen nach Zürich zur Stadtpolizei. «Ich hatte das Gefühl für Recht und Ordnung sorgen zu müssen.» Auf seine Frühpension hin schrieb und veröffentliche er in seinem Buch seine Eindrücke zum Polizeiberuf. In seiner Freizeit ist er weiterhin als Maler künstlerisch tätig. (dh)

Kürzlich stellte er sein Buch «Scheiss Bullen» in der Bibliothek Bütschwil vor und sprach Problemthemen direkt an. Er selbst wurde oft beschimpft oder gar angegriffen im Dienst. In seinem Buch geht er darauf ein, lässt aber auch die Gegenseite – etwa Polizeihasser, eine Hooligan-Rechtsvertreterin und die Organisation Augenauf – zu Wort kommen. Er erhofft sich, mit seinem Buch das gegenseitige Verständnis zu fördern.

So seien Gründe für den Hass vielfältig. Bei einem Polizeihasser sei es die Uniform. «Aber unter den zivilen Bullen hat es noch coole Typen», lässt Widmer ihn im Buch zu Wort kommen. Ein anderer hatte eine schwierige Kindheit, wuchs im Heim auf und hatte immer wieder mit der Polizei zu tun. «Mittlerweile hat er sich gefangen und arbeitet beim Sicherheitsdienst», erzählt Widmer.

Emotionen als Auslöser

Einer der Punkte, welcher von den Interviewten angesprochen wurde: Die Polizei gehe manchmal etwas ruppig vor. Widmer sieht dieses Problem vor allem in den USA oder in Weissrussland, wo derzeit immer wieder Proteste stattfinden. «Dort sind die Polizisten oft überfordert und haben keine richtige Handhabe.» In der Schweiz seien Polizisten in der Regel gut ausgebildet und hätten einen guten Massstab.

Oft seien Emotionen Auslöser für aggressives Verhalten gegenüber der Polizei, sagt Widmer.

«Diese Personen handeln meist im Affekt.»

Im Gegensatz dazu seien Polizisten ausgebildet, mit emotionalen Situationen umzugehen. Wenn Personen für ihre Rechte auf die Strasse gehen – wie etwa beim Frauenstreiktag von 14. Juni 2019– dann müsse man als Polizist verstehen, dass mitunter tief greifende Ängste mitschwingen, um verhältnismässig reagieren zu können.

Gefährdete Existenz als Grund für Demoteilnahme

So wie auch bei den Hygienedemos. «Einige demonstrieren, weil sie durch die Massnahmen der Regierung ihre Existenz in Gefahr sehen.» So hätten sich kürzlich auch Künstler unter Demonstranten gemischt. Künstler sehen normalerweise nicht alles so eng, weiss Widmer. Nicht nur wegen seiner langjährigen Tätigkeit, sondern auch, weil er selbst Künstler ist.

«Sowieso ist der Beruf eine Gratwanderung zwischen Repression und Prävention.»

Zum einen müsse man dem Gegenüber auch mal ein Ultimatum stellen, aber eine gute Prävention sei definitiv nachhaltig, sagt Widmer.

Zusätzlich beobachtet der Pensionär, dass sich vermehrt Menschen auf der Strasse mit Festgenommenen solidarisieren – ungeachtet der Vorgeschichte – und auf die Beamten losgehen.

«Eine Festnahme hat einen guten Grund, da sollte man sich nicht einmischen.»

So komme es vor, dass Personen, die zuvor vermehrt weggewiesen wurden, bei der Festnahme um sich schreien und schlagen. Nahestehende beobachten dies und setzen sich dann für die Person ein, obwohl sie diese nicht zwingend kennen. Andere stellen Videos von vermeintlich brutalen Festnahmen ins Internet.

Polizei macht die Normen nicht

Widmer hält auch Vorträge an Kantonsschulen. Dort empfiehlt er den Schülerinnen und Schülern, sich selbst ein Bild von der Situation zu verschaffen und erst dann zu handeln. «Wenn ich in der Wildnis einen Löwen sehe, dann gehe ich auch nicht auf diesen zu», zieht Widmer als Vergleich hinzu. «Jede Person kann selbst entscheiden, was sie tut; muss dann aber auch die Konsequenzen tragen.»

Wortmeldungen aus der Bevölkerung, man solle doch endlich alle Chaoten für lange Zeit wegsperren, entgegnet der Experte: «Die Gesellschaft macht die Normen. Polizisten schauen, dass diese eingehalten werden.»

Der Unterschied zwischen Rechts und Links

Als Experte für Linksextremismus weiss Widmer viel über die linke Szene. So stellten Linke meist Kapital, Objekte oder Firmen an den Pranger, während bei Rechtsextremisten die Person im Vordergrund stehe. Und auch Linksextremisten werden gewalttätig. So griffen einige am «Marsch fürs Leben» Priester und Ordensschwestern an. Die Demonstration wird meist von christlichen Fundamentalisten organisiert und richtet sich etwa gegen Abtreibungen oder Sterbehilfe. «Die Linksextremisten wollen dann diesen Leuten unter allen Umständen keine Plattform geben.»

Auch die Kommunikation und Informationsbeschaffung habe sich über die Jahre verändert. Früher sei vieles über Flyer und einschlägige Broschüren gelaufen. Schon damals durfte die Zürcher Stadtpolizei keine eigenen Leute in die Szene einschleusen. Die Informationen stammten von Drittpersonen. Diese Beziehungen seien auch heute noch wichtig.