SAMARITER: «Es fehlt der Schweiz an Offenheit»

Per Ende Juni legt Herbert Kündig sein Amt als Finanzchef der Evangelischen Kirchgemeinde Wil nieder. Er will sich in Zukunft noch stärker verschiedenen Hilfsprojekten in Rumänien widmen.

Gianni Amstutz
Drucken
Teilen
Herbert Kündig vor dem evangelischen Kirchgemeindezentrum in Wil, an dessen Bau er einen wesentlichen Anteil hatte. (Bild: Gianni Amstutz)

Herbert Kündig vor dem evangelischen Kirchgemeindezentrum in Wil, an dessen Bau er einen wesentlichen Anteil hatte. (Bild: Gianni Amstutz)

Gianni Amstutz

gianni.amstutz@wilerzeitung.ch

«Meine Erfahrungen, die ich im Amt als Finanzchef der Evangelischen Kirchgemeinde Wil gemacht habe, sind für meine jetzige Tätigkeit in Rumänien praktisch nutzlos.» Zu unterschiedlich sind die Lebenswelten, in denen sich Herbert Kündig bewegt. Beinahe 20 Jahre war er als Finanzchef der Evangelischen Kirchgemeinde Wil tätig. Im Juni legt er sein Amt nieder. Dann wird er definitiv nach Rumänien ziehen, wo er mit einer Stiftung zusammenarbeitet, die sich um die verschiedensten Anliegen der Bevölkerung kümmert. Seine Kontakte in der Schweiz wird er aber auch weiterhin pflegen. «Das ist mir sehr wichtig», sagt er. Nur schon für seine Arbeit in Rumänien wird er der Schweiz auch in Zukunft den einen oder anderen Besuch abstatten. Denn in den vergangenen zwei Jahren hat Kündig auf privater Basis über 50 LKW-Ladungen voll Mobiliar aus der Schweiz für die Stiftung in Rumänien organisiert.

Armut auf dem Land, Aufschwung in den Städten

Auf dem Land gebe es immer noch grosse Armut. Dort setzt die Stiftung, die Kündig unterstützt, an. Sei es indem sie ein Kinder- oder Altersheim baut oder ein Spital oder eine Polizeistation mit neuen Möbeln ausstattet. Mit einem Lächeln erzählt Kündig davon, wie der Chef der Dorfpolizei auf die geschenkten Möbel reagiert hat. Endlich halte die Einrichtung es aus, wenn jemand auf dem Polizeiposten aus Wut auf den Tisch haue, habe der Polizeichef glücklich gesagt. Es sind solche Begegnungen, die Herbert Kündig dazu veranlassen, sich ehrenamtlich für andere Menschen einzusetzen. Obwohl es noch viel zu tun gebe, habe Rumänien eine positive Entwicklung hinter sich, sagt Kündig. Das Land sei längst nicht mehr so arm, wie noch in den 90er-Jahren. Besonders die Städte hätten einen wirtschaftlichen Aufschwung erfahren.

Das Leben in einer anderen Kultur macht Kündig keine Probleme. «Ich könnte auch in Sibirien oder China leben und würde mich schnell den Gegebenheiten des Landes anpassen», sagt er. Ausserdem seien die Menschen in Rumänien sehr gastfreundlich. Egal wohin man komme, man werde immer zum Essen eingeladen. «Da könnten sich die Schweizer eine Scheibe davon abschneiden», meint Kündig.

In der Schweiz fehle es manchmal an dieser Offenheit, die in Rumänien tagtäglich gelebt werde. Das spürt Kündig vor allem dann, wenn er Geldgeber für neue Projekte sucht. Oft kämen Absagen, bevor sich die Investoren überhaupt mit dem Projekt auseinandergesetzt hätten. Denn die Vorbehalte gegenüber Rumänien seien in der Schweiz gross. «Wenn sich die Leute die Lage vor Ort ansehen würden, könnte das einiges bewirken», ist Kündig überzeugt.

Nur durch Zufall in die Kirchenvorsteherschaft

Für das Amt als Finanzchef der Evangelischen Kirchgemeinde Wil habe er sich zufällig gemeldet, verrät Kündig. «Ich habe durch einen Artikel in der Wiler Zeitung von der Vakanz im Kirchenvorstand erfahren.» Nach einem Anruf beim Präsidenten konnte er sich an einer Sitzung vorstellen und wurde an der nächsten Wahl von der Kirchenstimmbürgerschaft zum Kassier gewählt. Die Arbeit, auch wenn sie komplett anders gewesen sei als das, was er jetzt mache, habe ihm immer Freude bereitet. Seine grösste Hinterlassenschaft an die Evangelische Kirchgemeinde Wil ist das neue Gemeindehaus, an dessen Bau Kündig wesentlichen Anteil hatte. Dafür und als Wertschätzung für sein Wirken in der Kirchgemeinde wurde ihm eine Sitzbank vor dem Gebäude gewidmet, inklusive Gravur seines Namens. Kündig schätzt die Geste, doch er ist keiner, der sich gerne ins Zentrum stellt. Das sei in der evangelischen Kirche auch nicht üblich, sagt er bescheiden.

Aktuelle Nachrichten