Salz gab's nur im Konsum zu kaufen

Einen Geburtstagskuchen gibt es nicht. Gott sei Dank – wie sollten darauf 102 Kerzen Platz finden. Und für Glücks- und Gesundheitswünsche ist es ohnehin zu früh. Denn Anna Heuberger-Häne, die älteste Einwohnerin Degersheims, hat erst heute Geburtstag.

Andrea Häusler
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Heute feiert die älteste Degersheimerin, Anna Heuberger-Häne, ihren 102. Geburtstag. (Bild: Andrea Häusler)

Heute feiert die älteste Degersheimerin, Anna Heuberger-Häne, ihren 102. Geburtstag. (Bild: Andrea Häusler)

Einen Geburtstagskuchen gibt es nicht. Gott sei Dank – wie sollten darauf 102 Kerzen Platz finden. Und für Glücks- und Gesundheitswünsche ist es ohnehin zu früh. Denn Anna Heuberger-Häne, die älteste Einwohnerin Degersheims, hat erst heute Geburtstag. Ihren Besuch hat Gemeindepräsidentin Monika Scherrer vorgezogen. Auch deshalb, weil die Jubilarin lieber öfter Besucher empfängt als zu viele Gäste gleichzeitig. Verständlich, denn die betagte Jubilarin mag es, nach einem bewegten Leben, mittlerweile ruhig. Mit geschlossenen Augen sitzt sie in ihrem Sessel am Fenster, spricht kaum, hört dafür alles und antwortet mit fester, klarer Stimme, sobald sie etwas gefragt wird. Gut gehe es ihr, sagt sie und bedankt sich vielfach für den gemeinderätlichen Blumengruss, den sie nicht in ihrem Zimmer, sondern in der «Stube» aufgestellt haben möchte.

Viele Stationen

Anna Heuberger wurde 1912 geboren. Nicht in Degersheim, sondern in Kirchberg – als Tochter eines Briefträgers. Damals hiess es für sie und ihre sieben Geschwister anpacken, auch nach Ende der Schulzeit. Ein Jahr lang blieb sie damals zu Hause, half im Haushalt mit. So lange, bis die nächstjüngere Tochter alt genug war, um sie zu ersetzen. Anna Heubergers beruflicher Werdegang führte über die Stickereiindustrie in die Gastronomie und schliesslich, 1952, in die «Handlung», die eine Tante ihres Ehemanns Josef im Degersheimer Oberdorf betrieb. 25 Jahre lang stand sie hinter dem Verkaufstresen, bediente ihre Kundschaft, während ihr Mann für das «Kassawesen» zuständig war. Vieles ging im Offenverkauf über den Ladentisch: Reis, Mehl, Zucker, aber kein Salz. Dieses war ausschliesslich im Konsum erhältlich.

«Hier schmeckt alles gut»

Ein bewegtes Leben, voller Ereignisse und Erinnerungen, von denen sie jüngere auch vergesse, wie Anna Heuberger sagt. Sie nimmt es gelassen. Schlimmer sei der fortgeschrittene Verlust der Sehkraft. Nicht mehr jassen zu können sei für Anna Heuberger weit schmerzlicher, sagt Armin Müllhaupt, Leiter des Wohn- und Pflegeheims Steinegg, wo die 102-Jährige lebt. «Nicht wahr, Frau Heuberger?» Die alte Frau öffnet die Augen und lächelt: «Ja, ja.»

Heute ist nun ihr grosser Tag. Besuch wird erwartet, ein Geburtstagsessen steht an. Was sich Anna Heuberger denn auf dem Mittagstisch wünsche, fragt Monika Scherrer. «Nichts Besonderes», sagt diese: «Hier schmeckt doch alles gut.»

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