Sagenumwobenes Bruderloch

Seit Jahrhunderten existiert bei Schönholzerswilen eine von Menschen erbaute Höhle. Mühsam schlugen sie einen 18 Meter langen Stollen und vier Kammern in das harte Gestein. Noch heute locken Sagen oder die eigene Neugier Besucher in ihren dunklen Schlund.

Sabrina Bächi
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Ein Rinnsal fliesst aus der Quelle im Innern der finstern und engen Höhle. Die Wände sind kalkig und vom Russ schwarz eingefärbt. (Bild: Andrea Stalder)

Ein Rinnsal fliesst aus der Quelle im Innern der finstern und engen Höhle. Die Wände sind kalkig und vom Russ schwarz eingefärbt. (Bild: Andrea Stalder)

SCHÖNHOLZERSWILEN. «Da ich nirgends etwas darüber berichtet finde, so will ich nicht ermangeln, eine kurze Beschreibung dieser interessanten Höhle zu geben.» Das schreibt Burkhard Reber in seinem Beitrag in der Anzeige für schweizerische Altertumsforschung 1877. Er absolvierte seine Lehre zum Apotheker zwischen 1868 und 1871 in Weinfelden. Als vielseitig interessierter Mensch machte er sich damals auf, den Thurgau und seine Geheimnisse zu erkunden. Dabei brachte er in Erfahrung, dass bei Schönholzerswilen eine Höhle namens Bruderloch existiert, die im Itobel zwischen Schönholzerswilen und Hagenwil in die steile Felswand gehauen wurde. Er beschreibt in seinem Artikel von dem alljährlichen Fest am ersten Maisonntag, als die Bevölkerung eine Zeremonie zu Ehren des Bruderlochs feierte. Mit Jubel und Gesang zogen sie in die Höhle und entzündeten darin ein Feuer. 1876 wollte er das Bruderloch selbst erkunden. Wie so vielen vor und nach ihm, fiel ihm die Suche danach schwer.

Ein Versteck im Wald

Das Bruderloch liegt auch heute noch gut versteckt im Wald. Wann diese Höhle entstand, wozu sie genutzt wurde und wieso sie an diesem Ort in die harte Nagelfluh gehauen wurde, ist bis heute unklar. Sagen und Märchen umranken die Nutzung des Bruderlochs.

Einst sollen Heinzelmännchen dort gewohnt haben. Sie halfen den Bauern bei der Arbeit und brachten ihnen Essen in goldenen Geschirren. Als ein habgieriger Bauer das Geschirr stahl, vertrieb er die Heinzelmännchen. Seither wurde am Bruderloch nie mehr ein Heinzelmännchen gesehen. Die Geschichte über einen Eremiten, ein sogenannter Waldbruder, der die Höhle einst bewohnte und ihr auch den Namen gab, ist urkundlich nicht erfasst. Dass der Waldbruder einer armen Frau Steine mitgab, die sich am darauffolgenden Tag in Goldklumpen verwandelt hatten, gehört, wie die Heinzelmännchen, ins Reich der Sagen und Märchen. Selbst der Einsiedler Bruder Friedrich von Nürnberg, der als Geächteter in der Höhle Schutz gefunden haben soll und später auf dem Nollen eine eigene Pfarrei gründete, lässt sich historisch nicht verifizieren.

Im Jahr 1924 veröffentlichte schliesslich der Archäologe Karl Keller-Tarnuzzer einen Artikel seiner eigenen Forschungen zum Bruderloch. Er untersuchte und kartographierte die Höhle und hält fest, dass sie etwa 18 Meter lang ist, drei grosse und eine kleine Kammer hat. Eine der vier Kammern ist so hoch, dass eine erwachsene Person aufrecht darin stehen kann, eine andere hat ein kleines Loch, aus der Quellwasser fliesst.

Keller-Tarnuzzer versuchte ebenfalls eine Erklärung zu finden, weshalb vor Jahrhunderten mit grosser Mühe eine Höhle in das harte Gestein geschlagen wurde. Er datiert die Entstehung der Höhle etwa in das 5. Jahrhundert. Über den Zweck der Höhle kommt er zu folgendem Schluss: Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurde die Höhle nicht als Wohnstätte oder Lagerkeller benutzt, da ansonsten irgendwelche Überreste wie Scherben oder Lebensmittelrückstände vorhanden wären. Der Archäologe meint hingegen, dass eine kultische Bedeutung nicht ganz ausgeschlossen werden kann. «Immerhin lässt es sich ganz gut denken, dass in diesen geheimnisvollen unterirdischen Gängen und Kammern die heidnische Mentalität sich besonders nahe den überirdischen Mächten fühlte», schreibt Keller-Tarnuzzer. Zudem finden sich in der Höhle mehrere sorgfältig ausgehauene altarähnliche Nischen, und früher war das Bruderloch als Heidenhöhle bekannt.

Für wahrscheinlicher hält er das Bruderloch jedoch als Versteck für die Bevölkerung vor drohender Gefahr. Lange Zeit blieben seine Untersuchungen die letzte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit künstlichen Höhlen. 2011 erschien vom Historiker Ralf Keller ein weiterer Artikel dazu. Er vergleicht mehrere Höhlen im Bodenseeraum und bestätigt Keller-Tarnuzzers Vermutung, dass es sich beim Bruderloch um einen Zufluchtsort gehandelt haben könnte.

Ausflugsziel Bruderloch

«Schulklassen oder Reisegruppen, die das Bruderloch für historisch wertvoll erachten, kommen hierher», sagt Fredy Oettli, Gemeindepräsident von Schönholzerswilen. «Gutes Schuhwerk ist wichtig beim Besuch der Höhle, und eine Taschenlampe, in der Höhle ist es sehr dunkel», sagt Oettli.

Für Besucher hat die Gemeinde eine Tafel mit Informationen über das Bruderloch aufgehängt. Ebenso wurde ein Grillplatz mit grossen Holzbänken- und Tischen gebaut. Wahrscheinlich tanzten einst an dieser Stelle die Einwohner von Schönholzerswilen und feierten den ersten Maisonntag am Bruderloch.

Fredy Oettli Gemeindepräsident Schönholzerswilen (Archivbild: Mareycke Frehner)

Fredy Oettli Gemeindepräsident Schönholzerswilen (Archivbild: Mareycke Frehner)