Ruhestand
«In meiner Funktion muss man Menschen mögen»: Braunaus Schulleiter Martin Köstli geht nach 45 Jahren im Dienste diverser Hinterthurgauer Schulen in Pension

Als junger Kantiabgänger sammelte Martin Köstli erste Erfahrungen als Primarschullehrer. Das Unterrichten sagte ihm zu – und so resultierte aus dem anfänglichen Nebenverdienst eine 45 Jahre lange Karriere als Lehrer, Schulleiter und Schulpräsident an diversen Hinterthurgauer Institutionen. Kürzlich ging der Mann in Pension, der das Thurgauer Schulsystem wie kaum ein Zweiter kennt.

Miguel Lo Bartolo
Drucken
Teilen
Martin Köstli blickt auf eine langjährige Karriere als Lehrer, Schulleiter und Schulpräsident zurück.

Martin Köstli blickt auf eine langjährige Karriere als Lehrer, Schulleiter und Schulpräsident zurück.

Bild: Olaf Kühne

45 Jahre in der Schule – was für viele nach einem Albtraum klingt, hat Martin Köstli erfüllt wie kaum etwas anderes. Er unterrichtete gut 30 Jahre als Primarschullehrer in Guntershausen, war Schulleiter in EGHW (Ettenwil, Guntershausen, Häuselen und Wittenwil), Schulpräsident der Volksschulgemeinde Aadorf und zuletzt acht Jahre als Braunauer Schulleiter tätig. Nach den Sommerferien kehrt er nun erstmals nicht an seine Wirkstätte zurück. Die Schulglocke vom Freitagnachmittag, 9. Juli, läutete gleichsam seine Pension ein.

«Jetzt steht erst einmal Ausspannen an», sagt Köstli. Gesagt, getan: Am Tag nach seiner Abschiedsfeier fährt er in die Ferien. Diese kurze Ruhephase hatte er nötig, wie er nachträglich sagt. Denn für ihn und seine Frau, Sabina Peter Köstli, steht noch einiges an – vor allen Dingen der Umzug in die Gemeinde Hüttwilen, wo seine Frau ab 1. Oktober als Gemeindepräsidentin tätig sein wird. «Das Haus zu verkaufen, ist nicht schwer. Ein neues zu finden sehr wohl», sagt Köstli, der immerhin bereits einzelne Liegenschaften begutachtet hat.

Feuertaufe hat Eindruck hinterlassen

Der frisch Pensionierte erinnert sich erstaunlich genau an die Anfänge seiner Laufbahn. Nach der Maturität wollte er eigentlich Jus studieren. In der Zeit bis zum Studienbeginn er aber etwas Geld verdienen wollen und so erste Erfahrungen als Lehrperson auf Primarstufe gesammelt. «Mir ist, als ob es gestern war», sagt Köstli. Am ersten Arbeitstag, Montag, 13. August 1973, habe ihn der Schulinspektor vor dem Schulzimmer abgefangen und gesagt: «Ich zeig dir jetzt, wie man Schule gibt.»

Was danach geschah, bezeichnet Köstli als eine Art Crashkurs im Unterrichten.

«Der Mann stand zwei Lektionen vor der Klasse und sprach frei heraus. Er wirkte so tiefenentspannt, so authentisch.»

Dann verliess er den Raum und überliess die Klasse wortlos einem 20-jährigen Martin Köstli. Die Feuertaufe hat offenkundig Eindruck hinterlassen. Immerhin wurden Authentizität und Tiefenentspanntheit zu Attributen, die man später auch Köstli nachsagen würde. Die wichtigste, wenn auch scheinbar trivialste Qualität, die dem 67-Jährigen den Weg ins Bildungswesen geebnet haben soll, ist die Menschenfreundlichkeit. Oder in Köstlis Worten: «In meiner Funktion muss man Menschen mögen.»

In all der Zeit habe er nur ein einziges Mal mit einem Berufswechsel geliebäugelt. «Das war noch, als ich auf Primarstufe unterrichtete», erinnert sich Köstli. Der Lehrerberuf sei zwar vielfältig. Und doch wurde er ihm mit der Zeit zu farblos. Sein Wunsch verblasste, als die Schulleiterstelle in Guntershausen ausgeschrieben war. «Ich wurde von Kollegen ermutigt, mich darum zu bewerben», sagt Köstli, der für die Stelle auch die nötigen Weiterbildungen mitbrachte. Rückblickend sei dies einer der prägendsten Momente seiner Laufbahn gewesen.

«Zu wissen, dass mir der Rückhalt aus den eigenen Reihen sicher war, hat mich in meiner Entscheidung bestärkt.»

Köstli trat letztlich die erste Primarschulleitung in Guntershausen an, wo ihm der unvorhersehbare Alltag bedeutend besser gefiel.

In der «Sandwich-Position» aufgeblüht

Seine Erfahrungen im Schulalltag machten Köstli zum «idealen Mediator». So beschreibt es zumindest Mathilda Halter, abtretende Präsidentin der Primarschule Braunau, in ihrem Abschiedsbrief an den langjährigen Schulleiter:

«In der ‹Sandwich-Position› zwischen Schulbehörde und Lehrerschaft setzte er sich für beide Seiten ein, vermittelnd und verbindend.»

Die Primarschulen EGHW und später auch Braunau soll er mit routinierter Gelassenheit geleitet haben. Mathilda Halter schreibt weiter, dass es Köstli verstand, die Dinge mit der nötigen Seriosität anzugehen, ohne dabei je seinen natürlichen Sinn für Humor zu verlieren. «Damit hat sie mich ziemlich gut getroffen, wie ich finde», sagt Köstli, der sich an dieser Stelle auch ein genugtuendes Grinsen nicht verkneifen kann.

Seine lange Karriere zieren indes nicht nur positive Ereignisse. Köstli durchlebte auch schwierige Zeiten. Sie liegen nicht allzu weit zurück. 2018 liess eine Meldung aus der Aadorfer Volksschulgemeinde aufhorchen. Köstli hatte damals angekündigt, ausserterminlich vom Schulpräsidium zurückzutreten. Innerhalb der fünfköpfigen Behörde hatte sich ein Graben gebildet. «Ich wurde sogar noch gedemütigt», liess er sich im Juni 2018 von dieser Zeitung zitieren. Sein Rücktritt hatte einen Nachhall. Ein weiterer Abgang aus der Schulbehörde folgte nur wenige Wochen danach.

Köstlis Schlussetappe sollte schliesslich keine unrühmliche sein. Während der letzten drei Jahre war er noch als Braunauer Schulleiter tätig. Dort habe er bis zum Schluss die Wertschätzung erfahren, die ihm innerhalb der Schule stets gewiss war.

Aktuelle Nachrichten