RÜCKKEHRER: Lehmann nach Niederlage «happy»

Die Verpflichtung von Goalietrainer Stephan Lehmann soll ein Weckruf für die verunsicherte Mannschaft des FC Wil sein. Nach dem ersten Spiel und der gestrigen 0:2-Niederlage in Genf bei Servette ist Lehmann zufrieden, auch wenn noch viel Arbeit wartet.

Simon Dudle
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Im ersten Spiel nach der Rückkehr zum FC Wil brachte sich Goalietrainer Stephan Lehmann (links) nur selten aktiv ein wie in dieser Szene mit dem jungen Wiler Eigengewächs Pascal Huber. (Bild: Emotionsfocus)

Im ersten Spiel nach der Rückkehr zum FC Wil brachte sich Goalietrainer Stephan Lehmann (links) nur selten aktiv ein wie in dieser Szene mit dem jungen Wiler Eigengewächs Pascal Huber. (Bild: Emotionsfocus)

Simon Dudle

simon.dudle@wilerzeitung.ch

Er ist zurück, als wäre er nie weg gewesen: «Wenn dir die linke Hand weh tut, dann nimmst du halt die rechte», sagt der ehemalige Schweizer Nationalgoalie schon im zweiten Training in der IGP-Arena zu den drei Torhütern des FC Wil. Als Goalie Jim Freid einige Minuten später über Schmerzen klagt, sagt Lehmann: «Du gehst zuerst in den Kraftraum und führst dich hier auf wie ein Mädchen.» Der Schaffhauser, wie er leibt und lebt. Und wie man ihn in Wil vor 13 Jahren kennen gelernt hat. Damals, als ebenfalls Chaos herrschte beim Club. Damals, als völlig überraschend der grösste Erfolg der Vereinsgeschichte resultierte: 3:2-Sieg am Ostermontag 2004 im Cupfinal gegen die Grasshoppers.

Lehmann darf sich eine Scheibe des Erfolgs abschneiden, obwohl er «nur» Assistenztrainer war. Denn der Motivator pushte die Mannschaft vor jenem Spiel, indem er ihr einen selber zusammengeschnittenen, emotionalen Film zeigte: Ein Konzert von Robbie Williams, immer wieder unterbrochen mit motivierenden Glückwünschen von den Frauen, Kindern oder weiteren Familienmitglieder der Spieler. Rückblickend sagt Lehmann: «Nach diesem Film wusste ich, dass wir den Cupfinal gewinnen werden.»

Schwierige Jobsuche für den Ex-Nationalgoalie

Die Wiler Mannschaft logierte damals im Sempacher «Seefeld», das später für Lehmann eine wichtige Rolle spielte. In jenem Restaurant arbeitete er zuletzt als Kellner. Dies, nachdem er beim FC Sion 2014 als Goalietrainer entlassen worden war – «obwohl wir zwischenzeitlich auf Platz eins standen», wie Lehmann sagt. Es folgte, vor dem «Seefeld», eine schwierige Phase in seinem Leben, als er Geld von der Arbeitslosenkasse beziehen musste.

Nun, wo das Kapitel Gastronomie wieder abgeschlossen ist, kehrte der 53-Jährige zurück im Fussball. FC-Wil-Präsident Roger Bigger hatte vor einigen Tagen angerufen und gefragt, ob Lehmann ein zweites Mal in einer schwierigen Situation helfen könne. Im Jahr 2004 war der FC Wil trotz Cupsieg ebenfalls ein Sanierungsfall. Nachdem die Hausbank Andreas Hafen aufgeflogen war und der danach eingesprungene Investor Igor Belanov viel Unruhe in den Verein brachte, sorgte Lehmann mit seinen Motivationstricks«für wunderbare Emotionen im Wiler Chaos», wie nach dem Cupsieg getitelt wurde.

Ein Scherbenhaufen später sagt Lehmann. «In schwierigen Momenten bin ich gerne bereit zu helfen. Ich hoffe, mental unterstützend einwirken zu können.» Und weiter: «Ich hatte in meiner Karriere auch Situationen, in welchen ich auf alles verzichten musste zum Wohle eines Vereins. Wir müssen nun alles daransetzen, um sportlich in der Liga zu bleiben.» Er ist überzeugt, dass genug Qualität in der Mannschaft vorhanden ist für den Ligaerhalt und es einzig darum geht, zusammenzurücken und eine Einheit zu werden. Dies muss allerdings mit vielen abwanderungswilligen Akteuren gelingen. «Die Spieler müssen die neue Situation annehmen. Alles andere bringt nichts. Wenn das Glas Milch mal ausgeschüttet ist, dann ist es ausgeschüttet.»

Lehmann verfolgt das erste Spiel sitzend

Tatsächlich geht es nun beim FC Wil darum, aus einem Haufen Einzelkämpfer in wenigen Wochen ein Team zu formen. Sonst droht sportlich der Abstieg. Wobei im vergangenen Herbst bei gewissen Akteuren gefragt werden musste, ob sie überhaupt zu kämpfen bereit sind oder der hohe Lohn übersättigend wirkt. In den vergangenen Wochen kam erschwerend dazu, dass sich gewisse Spieler nicht mit dem tieferen Lohnangebot des Clubs einverstanden erklärten und darum den Spielbetrieb gefährdeten, was der Stimmung im Team keineswegs förderlich war.

Darum durfte man gespannt sein, ob beim gestrigen Spiel im Stade de Genève gegen Servette bereits ein Lehmann-Effekt erkennbar sein würde. Die Antwort ist: nein. Zu vieles blieb Stückwerk, die Offensive strahlte kaum je Gefahr aus. Die formstarken Genfer waren die bessere Mannschaft und siegten verdient mit 2:0. Lehmann hielt sich zurück, überliess das Coaching Trainer Ronny Teuber und mischte sich nur ganz selten aktiv ein. Auch eine flammende Rede wie vor dem Cupfinal hielt er nicht. «Für mich war ganz wichtig, im ersten Spiel möglichst viele Informationen über die Mannschaft sammeln zu können. Nach Absprache mit dem Trainergespann habe ich mich um die Torhüter gekümmert», sagte Lehmann.

Sein teilweise überraschendes Fazit nach Spiel eins: «Ich bin happy. Mir macht die Leistung Mut. Die Einstellung und die Einsatzbereitschaft haben gestimmt. Auch nach den Gegentoren sind die Spieler weitergerannt. Wir müssen aber schon noch viel arbeiten, damit wir zu Toren kommen.» Ab heute will sich Lehmann im mentalen Bereich in die Mannschaft einbringen. Was genau er tun wird, liess er offen. Das seien Interna.