SELBSTVERSUCH
Langlaufen: Warum man sich den Kampf mit Brettern und Stöcken antut

Es schaut so leicht aus, wenn die Routiniers auf ihren langen, schmalen Latten elegant und scheinbar unermüdlich ihre Spuren in den Schnee ziehen. Für Ungeübte kann die Premiere auf der Loipe hingegen zum strapaziösen Desaster werden, wie die Erfahrungen der Autorin zeigen.

Lara Abderhalden
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«Gstabig», wackelig, ermüdend, zeitweilig nervig. Das Hochgefühl stellt sich aber irgendwann ein. Dann, wenn's bergab geht.

«Gstabig», wackelig, ermüdend, zeitweilig nervig. Das Hochgefühl stellt sich aber irgendwann ein. Dann, wenn's bergab geht.

Symbolbild: Anthony Anex / KEYSTONE

Es fühlt sich falsch an. Zu dünn. Zu wackelig. Zu «gstabig». Viel zu grob klatschen die Latten auf den von Spuren durchfurchten weissen Rillenteppich. Bei jedem Schleifschritt droht das lange, spitze Ding zu entgleisen. Die Stöcke retten vor dem Fall, können ihn aber auch verursachen, wenn sie statt neben den Skiern vor den Skiern in den Schnee gesteckt werden. Die ersten Langlaufmeter fühlen sich an, wie das Gehen auf einem Eisfeld, die weiteren wie ein Marathon.

Langlauf zeigt die wahre Kondition des Menschen. Es ist anstrengend, bringt den Körper an die Grenzen und ist nicht lustig.

Durch mit der Kraft und der Motivation

Fluchend kämpfte ich mich auf der Langlaufloipe auf dem Scherb den Hügel hinauf, bis mir zum Fluchen zu wenig Luft bleibt. Mühsam stöckele ich die letzten Meter und kann nicht glauben, dass es nach dem Anstieg nicht nach unten geht. Ich bin durch. Durch mit der Kraft, den Nerven, der Motivation, dem Langlaufen. Warum tue ich das, warum tun Menschen das?

Die Latten klatschen erneut auf die Piste. Das Schleifen wird kürzer, die Stöcke lasse ich weg, zu platt sind meine Arme. Wie ein Ertrinkender sauge ich die frische Bergluft ein. Schaffe es sogar kurz zu schmunzeln, als ich das Nebelmeer in Richtung Bodensee sehe. Die Freude ist von kurzer Dauer, ein erneuter Anstieg trübt meine Miene. Rechts links, Stock hoch. Rechts links, Stock hoch. Atmen. Atmen. Atmen.

Orientierung verloren

Ein Mann in einem braunen Skianzug mit Pilotenbrille braust an mir vorbei. Er ist mindestens doppelt so alt wie ich und überholt mich während des Aufstiegs. Ich bin genervt. Stampfe etwas mehr. Stöckle mehr. Spanne die Muskeln an. Die Füsse schmerzen, aber ich will nicht, dass mich der Langläufer abhängt. Meine Mühe ist umsonst. Meine Orientierung verloren. Wütend stelle ich fest, dass ich falsch abgebogen bin. Ich muss nun gegen den Rhythmus der Spuren zurück fahren, was noch anstrengender, noch mühsamer ist.

Wie eine Bobfahrerin beim Speedrekord

Doch plötzlich läuft’s. Es fährt. Ich fräse den Abhang hinunter, gehe in die Hocke, schmunzle, versuche die Dünnen Latten zu kontrollieren, die in alle möglichen Richtungen abzudriften drohen. In der eisigen Spur für klassisches Langlaufen fühle ich mich wie ein Bobfahrer, der gerade einen Speedrekord aufstellt. So geil. «Langlaufen ist der Wahnsinn», brülle ich in Richtung Säntis und Churfirsten, die auf der Zuschauertribüne Platz genommen habe.

Der Fahrtwind bläst mir den Schweiss aus dem Gesicht und meine verkrampften Füsse erholen sich allmählich. Im Rausch der Euphorie beschliesse ich, an der Scherbhütte vorbeizubrausen und eine weitere Runde anzuhängen. Doch auf gefühlt fünf Minuten freie Fahrt folgen sieben Stunden steiler Aufstieg. Das Gleiten ist vorbei, die Latten klatschen erneut auf den von Spuren übersäten Rillenteppich. «Gstabig», wackelig. Zu dünn. Es fühlt sich immer noch falsch an.