«Rote Null»

Wil legt Wert auf die Bezeichnung Stadt: Stadtweier, Stadtsaal, Stadtpfarrer. Uzwil bezeichnet sich bescheiden als Zusammenschluss von sieben Dörfern. Hier der Ort mit schmucker, doch wenig belebter Altstadt. Dort die Industriemetropole mit eher trostlos anmutendem Zentrum.

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Wil legt Wert auf die Bezeichnung Stadt: Stadtweier, Stadtsaal, Stadtpfarrer. Uzwil bezeichnet sich bescheiden als Zusammenschluss von sieben Dörfern. Hier der Ort mit schmucker, doch wenig belebter Altstadt. Dort die Industriemetropole mit eher trostlos anmutendem Zentrum. Etwas aber haben beide Orte gemeinsam. Budgets rechnen mit einer «roten Null». In Uzwil entspricht das einem Defizit von 700 000 Franken – in Wil beläuft sich der Fehlbetrag auf annähernd eine Million. Dessen ungeachtet lächeln sowohl Uzwils Gemeindepräsident als auch Wils Stadtpräsidentin selbstzufrieden in Kameras der Journalisten. Gleich verhält sich Sirnachs Gemeindeammann, obwohl er wenig Grund zur Freude haben dürfte. Wird doch der Steuerfuss bereits zum zweitenmal in Folge erhöht. Bürgern der Hinterthurgauer Gemeinde dürfte das Lachen spätestens beim Erhalt der Steuerrechnung vergehen.

Die «rote Null» ist salonfähig. Lässt sich mit Eigenkapital ausgleichen. Meist budgetiert der Gemeinderat ohnehin derart pessimistisch, dass anstelle des Defizits ein Gewinn resultiert. Um Begehrlichkeiten entgegenzutreten, hat Uzwils Exekutive schon früh bekanntgegeben, dass keine Steuererleichterung zu erwarten sei. Zum Vergleich: Uzwil befindet sich bezüglich Steuerfuss auf gleicher Höhe wie die finanzschwache Toggenburger Gemeinde Mosnang.

Feuerwehrabgabe als auch Wasserzins sollen mehr belastet werden. Verkappte Steuererhöhungen oder Notwendigkeit, fragt sich Studli. Wenig Raum nehmen im Geschäftsbericht Erläuterungen zur Bildung ein, obwohl dieser Bereich beinahe zwei Drittel des Finanzhaushaltes beansprucht. Generell stören Studli die abgehackten Kommentare zu einzelnen Konten. «Bildet einen Hauptsatz», hat Lehrer Hans Zogg seine Schüler einst aufgefordert. Eine sprachliche Richtlinie, die noch heute ihre Gültigkeit hat. Gerade im Bildungsbereich.

«Panta rhei», zitiert Gemeindepräsident Lucas Keel den griechischen Philosophen Heraklit in seinem Vorwort: «Alles fliesst.» «Philosophie haben» sei auch eine Haltung haben. Bürger sollen anhand von Fakten und Bildern im Geschäftsbericht prüfen, ob diese Philosophie stimmt. «Es gibt gute Gründe, weshalb Uzwil ein guter Ort ist», hält Keel fest. Studli kann ihm nur zum Teil beipflichten. Zählt doch der Steuerfuss mit Sicherheit nicht zu den positiven Faktoren.

Um nochmals zur Grundfrage eines defizitären Budgets zurückzukehren, wagt Studli einen Vergleich zur Privatwirtschaft. Dies im Wissen, dass Finanzen der öffentlichen Hand nur bedingt mit jenen von Unternehmen der freien Wirtschaft zu vergleichen sind. Doch wie würde es dem CEO eines Unternehmens ergehen, träte er mit einem Budget vor den Verwaltungsrat, das mit einer «roten Null» schliesst? Er müsste den Voranschlag vermutlich schleunigst überarbeiten. Und Massnahmen treffen, damit der Betrieb wieder schwarze Zahlen schreibt. Eine Alternative besteht für ihn nicht – von der Entgegennahme des blauen Briefs mal abgesehen.

Fritz Studli ist Journalist im Ruhestand und kommentiert in loser Folge das Lokalgeschehen.

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