Andreas Ritsch ist bald nicht mehr Trainer des EC Wil

Der 58-jährige Andreas Ritsch amtet noch bis zum Saisonende als Headcoach der ersten Mannschaft des EC Wil. Doch nach Recherchen stellt sich die Frage: Fiel der Entscheid schon im Herbst?

Tim Frei
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Mit seiner Erfahrung soll Andreas Ritsch in der nächsten Saison helfen, Talente im Nachwuchsverbund Wil-Herisau hervorzubringen.

Mit seiner Erfahrung soll Andreas Ritsch in der nächsten Saison helfen, Talente im Nachwuchsverbund Wil-Herisau hervorzubringen.

Michel Canonica

Die Gerüchte hielten sich seit langem hartnäckig, nun ist es definitiv: Andreas Ritsch wird den Posten als Headcoach der ersten Mannschaft verlassen und seinen Vertrag beim EC Wil nicht verlängern. Dies teilte der Verein am Sonntagmorgen mit. Damit wurden Recherchen der Wiler Zeitung vom vergangenen Oktober bestätigt.

Ritschs Nachfolger für die nächste Saison steht noch nicht fest und wird laut Angaben des EC Wil nach Abschluss laufender Gespräche «zeitnah kommuniziert». Welche Spieler bleiben würden, hänge mit der Trainerentscheidung zusammen.

Verein kann sich Profitrainer nicht mehr leisten

Dass der EC Wil sparen muss, ist hinlänglich bekannt. Finanzielle Gründe haben offensichtlich auch zum Entscheid geführt. Laut Mitteilung ist die Hypothek «Profitrainer» für den EC Wil und Ritsch trotz sportlichem Erfolg nicht mehr tragbar.

Ritsch, bisher als vollamtlicher Coach angestellt, hätte also Lohneinbussen akzeptieren müssen. Der Trainer und Präsident Roger Dietschweiler konnten aber keine Einigung erzielen.

Zweifel am Zeitpunkt des Entscheids

Assistenztrainer Emanuel Karrer verlässt den EC Wil nach der Saison. Für Ritsch trifft das dagegen nicht komplett zu. Seine grosse Erfahrung soll gemäss Mitteilung ab nächster Saison im Nachwuchsbereich genutzt werden und Talente im Nachwuchsverbund Wil-Herisau hervorbringen. Was das konkret bedeutet, wurde offengelassen.

Gleiches gilt für den Zeitpunkt des Entscheids, die Zusammenarbeit mit Headcoach Ritsch nicht über diese Saison hinaus fortzusetzen. Doch laut übereinstimmenden Quellenangaben aus dem Verein und seinem Umfeld soll der Entscheid bereits im Herbst 2019 gefallen sein. Gegenüber der Wiler Zeitung dementierte Dietschweiler damals Angaben, dass der Club nach einem Nachfolger für Ritsch suche.

Frühe Kommunikation ist keine Seltenheit

Es ist nicht unüblich, dass Vereine Trainerabgänge per Saisonende schon früh kommunizieren: Im November 2016 teilte etwa Wils Ligakonkurrent Wetzikon mit, dass er den auslaufenden Vertrag mit dem Trainer nicht verlängern werde.

Interessantes Detail: Wetzikons Headcoach war damals Andreas Ritsch. Später wurde er doch vor dem Saisonende freigestellt. Der Club begründete den Entscheid damit, dass die sportliche Leistung sinkende Tendenz gezeigt habe und vermehrt Unruhen rund um die erste Mannschaft entstanden seien.

Roger Dietschweiler, Präsident des EC Wil.

Roger Dietschweiler, Präsident des EC Wil.

Michel Canonica

Am Sonntag wollte diese Zeitung nach der gleichentags frühmorgens verschickten Mitteilung von Dietschweiler unter anderem wissen: Stimmt es, dass der Entscheid bereits im Herbst fiel? Und weshalb wurde er nicht schon damals kommuniziert? Die schriftlichen Fragen wurden bis gestern Abend nicht beantwortet.

Widersprüchliche Angaben

In der Causa Ritsch gibt es weitere widersprüchliche Angaben des Präsidenten. So hat er im Herbst mehrmals Angaben über einen Wechsel auf der Position des Headcoachs der ersten Mannschaft dementiert, sie als Gerüchte abgetan und betont, Trainer Ritsch stehe nicht zur Diskussion. Zum Beispiel laut einem Pressebericht gegenüber dem Club 22, der Fördervereinigung des EC Wil – anlässlich dessen Treffens im Dezember 2019.

Am 3. Januar 2020, rund drei Wochen später, hiess es auf dem Portal hallowil.ch plötzlich, der EC Wil könne sich keinen Profitrainer mehr leisten und Ritschs Zukunft sei deshalb offen. Fragen zu dieser wie auch der nachfolgenden Kehrtwende wurden ebenfalls nicht beantwortet.

Spielten Leistungsträger auch eine Rolle?

Acht Tage später nahm Dietschweiler erneut Stellung gegenüber dem Onlinemedium: Man sei in den Verhandlungen mit Ritsch «auf der Zielgerade», es müssten nur noch Details geklärt werden – und es deute vieles daraufhin, dass Ritsch Trainer bleibe. Nun ist es doch anders gekommen.

Auch die Meinung von Spielern dürfte den Entscheid beeinflusst haben. Denn: Gewisse Leistungsträger haben dem EC Wil kommuniziert, dass sie in der nächsten Saison nicht mehr dabei wären, sofern Ritsch Trainer bliebe. Ob dies berücksichtigt wurde, blieb ebenso unbeantwortet.

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