Rita Kobler erinnert sich an Weihnachten in Nigeria: Das Geschenk waren neue Kleider

Rita Kobler-Emiko erzählt von den Weihnachtsfeierlichkeiten in ihrer ehemaligen Heimat Delta State in Nigeria.

Zita Meienhofer
Drucken
Teilen
In der Schweiz vermisst Rita Kobler-Emiko einzig die Weihnachtszeit in Nigeria.

In der Schweiz vermisst Rita Kobler-Emiko einzig die Weihnachtszeit in Nigeria.

Bild: PD

«Weihnachten ist in Nigeria kein Familien-, sondern ein Gemeindefest», stellt Rita Kobler-Emiko zu Beginn klar. Dieses Gemeinsame, dieses Teilen sowie das Miteinander-Essen, das hat eine grosse Bedeutung während der Weihnachtsfeierlichkeiten in Nigeria. Die gebürtige Afrikanerin ist mit dem christlichen Glauben aufgewachsen. An Weihnachten wurde deshalb in ihrer Kindheit die Geburt Christus gefeiert, die Weihnachtstage waren Feiertage. «Die Adventszeit», so Rita Kobler-Emiko, «die gab es jedoch nicht». Die Temperaturen an Weihnachten sind in Nigeria zwischen 27 und 35 Grad. Es ist jeweils sehr trocken, alles grau und kahl und am Abend wird es kälter. Der Harmattan, ein Windsystem Nordafrikas, weht grosse Mengen Wüstenstaub und -sand herum. Deshalb wird die Zeit, wenn Harmattan ist, auch Dunstzeit genannt.

Lebende Hühner vom Markt

Am 24. Dezember wurde bei Familie Emiko mit den Vorbereitungen für das Weihnachtsfest begonnen, mit den Vorbereitungen für das Festmahl. Rita Kobler-Emiko gibt zu bedenken, dass die Leute damals meist nicht sehr betucht waren und ein üppiges Essen während des Jahrs nicht oft aufgetischt wurde. In Nigeria ist es Tradition, dass an Weihnachten Reis und Poulet an einer Tomatensauce gegessen wird. Auf dem Markt wurden lebende Hühner gekauft und später zu Hause für das Essen zubereitet. «Es war üblich, dass für das ganze Dorf gekocht wurde», erklärt sie. Entsprechend gross war die Menge in den Töpfen. Einen Weihnachtsbaum samt entsprechendem Schmuck stellten die Nigerianer nicht auf.

Ein Geschenk gegen ein Entgelt

Der 25. Dezember war der Weihnachtstag, der eigentliche Festtag. Bevor sich die Familie zur Kirche begab, durften sich alle Kinder neu einkleiden, weitere Geschenke gab es nicht. «Bereits einige Wochen vor dem Fest gab mein Papa meiner Mama Geld, damit sie Stoff kaufen konnte. Diesen brachte Mama zur Schneiderin, die für alle Kinder neue Kleider nähte», erklärt Rita Kobler-Emiko. Die Freude sei jeweils gross gewesen, wenn am Morgen des 25. Dezembers diese Kleider angezogen werden durften, denn während des Jahres habe es keine so spezielle Kleider gegeben. Rita Kobler-Emiko erinnert sich, dass die neuen Schuhe, die sie zu den Kleidern bekam, oft zu gross waren, damit sie lange getragen werden konnten. Am Ende des Tages schmerzten deshalb die Füsse.

Morgens, etwa um acht oder neun Uhr, war Beginn des Gottesdienstes. Dieser dauerte bis am Mittag. Da wurde gepredigt, da wurde gesungen, da wurde getanzt und gefeiert. Diese feierliche Stimmung nahmen die Nigerianer mit auf die Strasse, wo zu Musik weiter getanzt und Shows gezeigt wurden. Nach dem Gottesdienst stand auf dem Dorfplatz «Father Christmas», ein dicker, in ein rotes Gewand gekleideter Mann. Wer ihm Geld gab, dessen Kinder erhielten ein Geschenk. Das war eine Tasche, die Plastikgegenstände wie eine Sonnenbrille, eine Uhr oder einen Teller enthielt. «Dinge, die sich nur wenige leisten konnten», erklärt Rita Kobler-Emiko. In ihrer ehemaligen Heimat schien dieser Umstand nicht viel Unmut zu erzeugen. «Auch für jene, die arm waren, war Weihnachten ein besonderer Tag, denn dann bekamen alle genug zu essen.» Gegessen und gefeiert wurde im Anschluss an den Gottesdienst ausgelassen.

Viele seien unterwegs gewesen, vor allem die Kinder. Diese besuchten die Verwandten, die sie während des Jahres nicht gesehen haben, bekamen dort zu essen und erhielten Geld. «Tradition war es, dass mein Papa vor Weihnachten zur Bank ging und dort Kleingeld holte, damit er genügend Batzen für die Kinder hatte, die zu Besuch kamen». Er – manchmal war es auch die Mutter – blieb zu Hause, damit der eigene Besuch kein leeres Haus vorfand. «Abends, wenn wir nach Hause kamen, waren wir glücklich, denn wir hatten immer viel Geld bekommen», sagt sie. Mit dem Geld durften sich die Kinder etwas kaufen, beispielsweise Sachen für die Schule oder Finken. Gespart wurde das Geld nicht.

Am 26. Dezember beginnt der Hausputz

Der 26. Dezember ist ebenfalls ein Feiertag, doch die Festivitäten sind nicht mehr so intensiv wie am Vortag. Zudem beginnen an diesem Tag die Nigerianer mit dem grossen Hausputz. Bis Ende Jahr muss alles rein sein, da ein Sprichwort sagt: «Wie Du Dich am letzten Tag im Jahr verhältst, so wird das neue Jahr werden». Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr sind Ferientage. In ihrer Heimat sind die Leute bis zum Silvester im Party-Modus. Am letzten Tag im Jahr hatte sie sich immer weiss gekleidet und den Körper weiss gepudert. «Weiss bedeutet Reinheit, rein wie ein Kind», erklärt sie. In der Silvesternacht, zwischen 21 und 22 Uhr finden sich alle in der Kirche ein. «Denn bei Jahreswechsel wollen wir alle im Haus Gottes sein.»

Hinweis

Während der Adventszeit erscheinen Texte unter dem Titel: «Wie wird Weihnachten im ehemaligen Heimatland gefeiert.» Personen von anderen Kontinenten erzählen von den Bräuchen und Traditionen aus dem Land, in dem sie aufgewachsen sind.

Zur Person

Rita Kobler-Emiko ist in Warri (Nigeria) aufgewachsen. Seit 2001 lebt sie in der Schweiz. Sie ist verheiratet, Mutter zweier Kinder im schulpflichtigen Alter und wohnt in Bronschhofen. Kürzlich hat sie die kaufmännische Ausbildung abgeschlossen. Seit Jahren engagiert sie sich bei Integrationsprojekten. Als nächster Schritt wird sie die Weiterbildung als Migrationsfachfrau absolvieren, um die Integration von Migranten und Migrantinnen weiterhin zu fördern. Sie war es auch, die den Verein «Inside Africa» (https://iaswiss.ch) gegründet hat. (zi)