RESOZIALISIERUNG: Weder Jugendknast noch Kuscheljustiz

Die Meinungen über den Platanenhof in Oberuzwil gehen auseinander. Das Thema polarisiert, denn es sind schwierige Jugendliche, die dort eingewiesen werden. Heimleiterin Dagmar Müller sucht den Dialog.

Merken
Drucken
Teilen

Die Geschichte des Platanenhofs reicht zurück bis ins Jahr 1894. Damals hiess er «Besserungsanstalt». Das ist Vergangenheit, am Auftrag hat sich jedoch nichts geändert. «Zu uns kommen Jugendliche, bei denen etwas schiefgelaufen ist und deren Entwicklung korrigiert werden muss», erläuterte Dagmar Müller. Jugendheime wie den Platanenhof gibt es viele, das Besondere in Oberuzwil ist die geschlossene Abteilung. Mit zwei Begriffen wird die Heimleiterin immer wieder konfrontiert: Jugendknast und Kuscheljustiz. Jugendgefängnisse gebe es in der Schweiz aber nicht und Sozialpädagogik sei ein intensives Rückmeldungssystem. Probleme würden täglich angesprochen, sagte die Heimleiterin am Informationsabend für die Bevölkerung vom Dienstag.

Veränderungen mit Einschliessungen durchzusetzen, geht nicht, darüber entscheiden die Einweisungsbehörden. Daran würden Anrufe von überforderten Eltern nichts ändern. «Wir vollziehen keine Strafen, wir bieten Erziehungsmassnahmen, auch wenn die Jugendlichen das als Strafe empfinden», sagte Dagmar Müller. Als besonders harten Eingriff in ihren Alltag empfinden die Betroffenen zwischen 12 und 18 Jahren, wenn ihnen das Mobiltelefon abgenommen wird. Das passiert bei Einweisungen in eine geschlossene Wohngruppe. Dann ist mit jedem Eintritt und Austritt eine Leibesvisitation verbunden, Brief- und Telefonkontakte werden kontrolliert, ebenso wie der Urin. Müller will nichts bagatellisieren. Aber als Pädagogin und Heimleiterin ist für sie klar: Sie hat einen Resozialisierungsauftrag. Das Team des Platanenhofes arbeitet nicht isoliert. Ein wichtiger Ansprechpartner ist die Polizei in Uzwil. Dieses Verhältnis sei nicht immer einfach. «Aber wenn wir anrufen, dann gibt es keine Diskussionen», sagte die Heimleiterin und bezeichnete die Beziehungspflege als wichtige Aufgabe. Bei Problemen waren nicht immer Jugendliche vom Platanenhof die Schuldigen. Solche Vorurteilen gilt es zu begegnen.

Thomas Riesen

redaktion@wilerzeitung.ch