Religion geht durch den Magen

Heute ist Freitag. Und Freitag ist Fischtag: eine christliche Tradition, die noch in den meisten Küchen warm gehalten wird. Wie sehr die Religionen unser Essverhalten beeinflussen, war am Mittwochabend Thema in der Stadtbibliothek.

Ursula Ammann
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Auch das Chäschüechli-Essen am Hirsmontag hat einen religiösen Ursprung. (Bild: Michel Canonica)

Auch das Chäschüechli-Essen am Hirsmontag hat einen religiösen Ursprung. (Bild: Michel Canonica)

WIL. «Was is(s)t Religion?»: Unter diesem Titel veranstalteten die Stadtbibliothek und die Fachstelle Migration am Mittwoch einen interreligiösen Begegnungsabend. Grundlage dazu bildete ein gleichnamiges Buch. Einer der Autoren dieses Werks war unter den Referenten – der SRF-Reporter Tenzin Khangsar. Er wuchs als Kind tibetischer Flüchtlinge in Flawil auf.

Im Essen Identität finden

Tenzin Khangsar ist Buddhist. In dieser Religion essentiel sei der Verzicht auf Fleisch, erklärte der Flawiler. Zumindest an bestimmten Tagen. Er versuche, diese einzuhalten. Auch schon habe er aber in ein Schinkensandwich gebissen und dann ein schlechtes Gewissen verspürt. In einem nicht buddhistischen Umfeld sei es nicht immer einfach, sich nach diesen Bräuchen zu richten. Für viele junge Tibeter trage die Essenstradition auch einen Teil zur Identitätsfindung bei.

Auch Biber waren Fische

Im Christentum spielt der Verzicht auf Fleisch ebenfalls eine Rolle. Nämlich zur Fastenzeit. «Essen und Trinken waren stark geprägt von der Kirche», erklärte Stadtarchivar Werner Warth. So auch in Wil. Gefastet wurde früher aber nicht nur 40 Tage vor Ostern, sondern auch 40 Tage vor Weihnachten. «Wenn es jemand wirklich ernst meinte, dann fastete er an 150 Tagen im Jahr», so Werner Warth. Dies erklärte auch den hohen Verbrauch an Fischen in der Äbtestadt. Auf jener Wiese, wo heute das Rock am Weier über die Bühne geht, befand sich um das Jahr 1800 eine Fischzucht. Diese belieferte nicht nur den heutigen Stadtweiher mit Nachwuchs, sondern auch den oberen Weier. Diesen liess der Abt Ulrich Rösch auf dem Gebiet Reitwiese/Badi Weierwise anlegen. Gemäss Werner Warth tat er dies unter anderem, weil das Fischen im anderen Weier nur den Wiler Bürgern erlaubt war. Der Abt selbst hatte dazu kein Recht.

Der Begriff «Fisch» wurde aber auch regelrecht ausgedehnt. So landeten während der Fastenzeit auch diverse Wasservögel, Biber, Frösche und Schnecken auf dem Teller. In einigen Klöstern sollen sogar Fleischpasteten in Fischform serviert worden sein.

Völlerei: Gegensatz zum Fasten

«Als purer Gegensatz zum Fasten herrschte die Völlerei», berichtete Historiker Werner Warth. Davon zeugt etwa die Tradition der Martinigans, die jeweils am 11. November, also am Tag vor der vorweihnachtlichen Fastenzeit, gegessen wurde. Aber auch die Chäschüechli am Hirsmontag oder die Bürger- und Schamauchenwürste am Gümpelimittwoch haben ihren Ursprung in der christlichen Fastenzeit.

Gemeinsamkeiten finden

Er müsse sich hier in Wil wohl zu den Schamauchen (Zugezogene) zählen, schmunzelte Beat Steiger vor dem Hintergrund der Wiler Wursttradition. Der Mittelschullehrer für Ethik und Philosophie stammt ursprünglich aus Sursee, unterrichtet aber heute an der Kantonsschule Wil. Steiger beleuchtete das Thema Essen und Religion zum Schluss des Abends aus ethischer Perspektive. Vielleicht müsste man bei der Frage «Was is(s)t Religion» das Doppel-S einmal weglassen und sich fragen, was denn Religiosität sei. In diesem Zusammenhang zitierte Steiger den Kaiser Ashoka, einen Herrscher, der auf seinen Eroberungszügen viel Härte walten liess, dann aber zum Buddhismus konvertierte. Nach Ashokas Definition heisst religiös sein unter anderem, so wenig Leiden wie möglich zu verursachen. Eine daraus abgeleitete Essenskultur würde wohl interkonfessionell auf Akzeptanz stossen, sagte Beat Steiger.

Ziel der Veranstaltung «Was is(s)t Religion?» in der Stadtbibliothek war es denn auch, den Fokus auf die Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Religionen zu legen, statt deren Unterschiede zu betonen. Der Anlass fand im Rahmen der Interreligiösen Dialog- und Aktionswoche IDA statt.

Beat Steiger, Mittelschullehrer für Ethik und Philosophie, Tenzin Khangsar, Co-Autor von «Was is(s)t Religion» und Historiker Werner Warth referierten in der Stadtbibliothek. (von links) (Bild: Ursula Ammann)

Beat Steiger, Mittelschullehrer für Ethik und Philosophie, Tenzin Khangsar, Co-Autor von «Was is(s)t Religion» und Historiker Werner Warth referierten in der Stadtbibliothek. (von links) (Bild: Ursula Ammann)