Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

REGION: «Wir müssen reden»

Gewalt im Alter ist immer noch ein Tabu. Die Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter (UBA) will, dass man auch hier darüber spricht.
Daniel Wallimann
Gewalt im Alter: Jede fünfte Person über 65 wurde schon zum Opfer. (Bild: Chris Mandfield)

Gewalt im Alter: Jede fünfte Person über 65 wurde schon zum Opfer. (Bild: Chris Mandfield)

Daniel Wallimann

daniel.wallimann@wilerzeitung.ch

So verschieden die Geschichten sind, eines haben sie gemeinsam: Sie beginnen harmlos und spitzen sich über die Jahre zu. «Zum Beispiel pflegten zwei Geschwister ihre demente Mutter und waren sich uneinig, wie es mit ihr weitergehen soll», sagt Ruth Mettler Ernst, Geschäftsleiterin der Unabhängigen Beratungsstelle für das Alter (UBA). Die Betreuung habe die Familie so belastet, dass sie sich zerstritten hätte. Oder: «Eine junge Frau sorgte sich um ihren alten Vater», der von der ­alkoholkranken Partnerin verprügelt worden sei. Daneben gebe es zum Glück auch aufmerksame Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich mit ihren Anliegen direkt an die UBA wenden. «Eine Frau fragte um Rat, weil ihre 87-jährige, demente Nach­barin alle Nachbarn schika­nierte.» Dem Geschwisterpaar, der jungen Frau und der be­sorgten Nachbarin konnte die Fachstelle einfach helfen. Sie ist Ansprechpartnerin für Konflikte im Alter in allen Lebens­bereichen. Kernthemen sind zum ­Beispiel «Gewalt in den eigenen vier Wänden», «Pflegebedürf­tigkeit» oder auch «Nachlass­streitigkeiten».

Gewalt läuft subtil ab

Es gibt die UBA mit Hauptsitz in Zürich seit mittlerweile 20 Jahren. Sie ist in der Deutschschweiz mit vier regionale Fachkommissionen vertreten. In der Ostschweiz ist das Angebot unter der Leitung von Fred Haslimann in diesem Jahr initiiert worden. Am Ort bearbeiten Experten freiwillig und unentgeltlich Fälle auch aus Wil und den umliegenden Gemeinden. «Wir vermitteln unkompliziert in Konflikt- oder Gewalt­situationen, von denen über 60-jährige Menschen betroffen sind», so Haslimann. Insgesamt bietet ein mehrköpfiges interdiszi­plinäres Team praktische Hilfe an. Dazu gehören etwa pensionierte Ärzte, Pflegefachpersonen oder Juristen. «Das Wohl der Älteren und die Konfliktbewältigung steht an erster Stelle», sagt Geschäftsleiterin Mettler Ernst, die in Wilen wohnt. Denn nach wie vor werde über Gewalt im Alter nicht gesprochen. Wie Studien aber vermuten lassen, ist jede fünfte ältere Person in der Schweiz davon betroffen. Die Fachstelle beruft sich dabei auf die Abuel-Studie. Darin wurden über 4000 Personen zwischen 60 und 80 Jahren aus sieben europäischen Ländern, die zu Hause leben und ohne ­Demenz erkrankt sind, befragt. Dabei kam heraus, dass rund 23 Prozent von Misshandlung be­rich­teten. Oft seien es nicht nur Schläge. «Überforderte Angehörigen sperren die Betroffenen ein oder lassen sie unnötig lange auf der Toilette sitzen. Damit sie sich ein wenig Luft verschaffen können», so Haslimann. Es brauche dringend Studien, die den Zusammenhang von Gewalt und Gesundheit weiter untersuchen. Gerade Demenzkranke, die von der Studie ausgeschlossen wurden, sind besonders pflegebedürftig und davon betroffen.

Die Überforderung eingestehen

«Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus», sagt Mettler. In der Schweiz leben 90 Prozent der über 80- bis 84-Jährigen zu Hause. Sechs von zehn zu Hause Lebende werden von Angehörigen betreut. Häufig gerate man ganz unvermittelt in eine Pflegesituation und vergesse, diese auf mehrere Schultern zu verteilen. «Es ist nicht einfach, sich einzugestehen, wenn man mit einer Pflegesituation überfordert ist», sagt Mettler Ernst. Es entlastet, wenn die Betreuung auf mehrere Schultern verteilt und externe Unterstützungsangebote genutzt werden können. Und ferner müsse sich die Gesellschaft überlegen, wie die Familienarbeit, das Berufsleben und die Bewältigung der Pflege von älteren Angehörigen in der Familie unter einen Hut zu bringen sind.

Hinweis

www.uba.ch.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.