Region Wil: Ein Schädling sorgt für Holzschwemme

Der Buchdrucker frisst sich durch die Rinden von schwachen Fichten. Seine Spuren hinterlässt er auch auf dem Holzmarkt: Sägereien haben alle Hände voll zu tun, das von den Käfern befallene Holz zu verarbeiten. Dramatisieren will die Situation aber niemand.

Tobias Söldi
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Wegen der Borkenkäfer hat es überdurchschnittlich viel Holz auf dem Markt. Das sorgt nicht nur für Freude. (Bild: Cornelia Pithart)

Wegen der Borkenkäfer hat es überdurchschnittlich viel Holz auf dem Markt. Das sorgt nicht nur für Freude. (Bild: Cornelia Pithart)

«Zurzeit ist massiv mehr Holz auf dem Markt als sonst», sagt Maria Brühwiler. Sie ist Inhaberin und Geschäftsführerin der Brühwiler Fensterholz AG in Wiezikon bei Sirnach. Ralph Haas, Betriebsleiter der Sägerei des Klosters Magdenau, stimmt zu: Über einen Mangel an Holz könne er sich nicht beklagen. Was auf den ersten Blick nach einer erfreulichen Situation für Sägereien klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung allerdings als vielschichtiges Problem.

Es geht um Fichtenholz. Die Branche in Aufruhr versetzt ein bloss fünf Millimeter langer Käfer: der Buchdrucker, ein Schädling der Gattung Borkenkäfer. Wegen des warmen und trockenen Sommers konnte er besonders viele Fichten in Mitleidenschaft ziehen. Vor den Wäldern stapeln sich die Stämme befallener Fichten. Sie müssen möglichst rasch aus dem Wald entfernt werden, sonst explodiert die Buchdrucker-Population. Revierförster, private Waldbesitzer und Forstbetriebe versuchen nun, dieses Holz an die Sägereien zu verkaufen.

Kapazitäten der Sägereien sind beschränkt

Obwohl der Buchdrucker mit der Region vergleichsweise schonend umgegangen ist – der Kanton Thurgau etwa leidet viel stärker unter seiner Gefrässigkeit –, spürt die Holzbranche die Folgen. Die Verarbeitung des Käferholzes beansprucht die Sägereien stark, ihre Kapazitäten sind beschränkt. Faktoren wie die Grösse einer Sägerei, die Platzverhältnisse im Lager und die Nachfrage spielen eine entscheidende Rolle bei der Frage, ob und wie viel Käferholz ein Betrieb annehmen kann.

«Wir brauchen bis etwa Ende November, um das Holz der letzten Saison zu verarbeiten. Momentan ist noch viel davon da, und jetzt kommt noch das Käferholz dazu», beschreibt Maria Brühwiler die Situation in ihrem Betrieb. Sie habe etwa 500 Kubikmeter Käferholz angenommen. Ähnliches ist von anderen Sägereien der Region zu vernehmen. «Wir können nicht mehr viel Käferholz annehmen», sagt Ralph Haas von der Klostersägerei Magdenau. Er schätzt, dass seine Sägerei bis jetzt etwa 1500 Kubikmeter Käferholz verarbeitet hat, darunter solches aus dem klostereigenen Wald und von Försterkollegen. Er gibt zu Bedenken, dass einige Sägereien ausserdem immer noch beschäftigt seien mit dem Holz, das der Sturm Burglind Anfang Jahr verursacht hat. Und Urs Gschwend von der Gschwend Holzbau AG in Zuzwil sagt, dass er wegen des Buchdruckers rund 25 Prozent mehr Holz zum Verarbeiten habe als in einem normalen Jahr.

Wie gut eine Sägerei mit der zusätzlich anfallenden Menge an Käferholz umgehen kann, hängt auch von ihrer Ausrichtung ab. Die Brühwiler Fensterholz AG, die ihren Schwerpunkt im Edelholzbereich hat, ist nicht auf die Verarbeitung von Käferholz ausgerichtet ist. «Wir müssen zusätzliche Absatzmöglichkeiten finden. Ausserdem fällt bei der Verarbeitung von Käferholz viel Abfallholz an. Für uns ist dieses Holz definitiv kein Gewinn, sondern mit vielen Einschränkungen verbunden», so Inhaberin Maria Brühwiler.

Billig, aber unbeliebt

Nicht nur die Menge, auch ein Schönheitsfehler des Käferholzes trägt zur schwierigen Marktsituation bei. Sägereien sind nämlich nicht erpicht darauf, mehr Käferholz als nötig anzunehmen. Die Buchdrucker tragen einen Pilz auf sich, der relativ rasch zur Blaufärbung des befallenen Holzes führt. Das macht es zwar qualitativ nicht schlechter, aber für den Einsatz im Sichtbereich wenig geeignet. Entsprechend wird Käferholz dort verwendet, wo das Aussehen keine Rolle spielt: für Brettschichtholz, Kisten, im Tiefbau oder als Holzschnitzel. «Viele Kunden haben dennoch das Gefühl, qualitativ minderwertiges Holz zu erhalten», erklärt Urs Gschwend.

Viel Holz drückt auch den Preis. Kommt dazu: Je länger die Förster mit dem Verkauf zuwarten, desto tiefer der Preis, zu dem sie das Käferholz verkaufen können. «Wir nutzen alle Absatzkanäle, die uns zur Verfügung stehen», sagt Haas, der auch Revierförster von Lütisburg und den Wäldern des Klosters Magdenau ist und so beide Seiten der Problematik kennt. Auch ausländische Betriebe werden zu potenziellen Abnehmern.

Es fehlt an Frischholz

Für die Sägereien ergibt sich aus der Situation ein weiteres Problem: Die Förster schlagen weniger gesunde Bäume. Das Frischholz fehlt dann wiederum in den Sägereien, wenn diese nicht genügend Reserven haben. «Es wird zu viel Holz von zu geringer Qualität angeboten», fasst Ralph Haas zusammen. Für die Sägereien ist dies umso ärgerlicher angesichts der Tatsache, dass die Auftragslage gut ist. «Wir haben Arbeit und können auf eine positive Auftragslage blicken», sagt Haas. Auch Urs Gschwend hält fest: «Die Nachfrage nach Holz ist tendenziell gestiegen. Es werden beispielsweise vermehrt Holzhäuser gebaut.»

In einer Marktsituation wie der aktuellen zahlt sich ein langjähriges, einvernehmliches Verhältnis zwischen den beiden Parteien aus. «Ich versuche, gute Partner zu berücksichtigen, indem ich ihnen Käferholz abkaufe», so Ralph Haas. Maria Brühwiler bestätigt das und ergänzt: «Die Idee ist, dass wir Käferholz aus der Region annehmen und die Forstbetriebe damit unterstützen. Einem Anbieter aber, von dem ich noch nie etwas abgekauft habe und der mir nun plötzlich Käferholz verkaufen will, kann ich auch absagen.»

Letztendlich müssen sich Förster und Sägereien gemeinsam durch die Situation kämpfen. «Wir sitzen alle im selben Boot», sagt Ralph Haas. Unnötig dramatisieren möchte die Situation aber niemand. Das Wort Krise will Haas nicht in den Mund nehmen. Und auch Maria Brühwiler gibt sich pragmatisch: «Die Situation ist nun mal so, und damit müssen wir eben fertig werden.»