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REGION: Wie die Sprache Sexismus normalisiert

«Aus Gedanken werden Worte – und aus Worte werden Taten.» Dieser philosophische Gedanke liegt Valeria Restuccios Maturaarbeit zugrunde, in der sie sich mit sexistischem Sprachgebrauch befasste.
Christof Lampart
Die junge Sprachforscherin Valeria Restuccio konnte empirisch nachweisen, dass sexistischer Sprachgebrauch den Alltagssexismus normalisiert. (Bild: Christof Lampart)

Die junge Sprachforscherin Valeria Restuccio konnte empirisch nachweisen, dass sexistischer Sprachgebrauch den Alltagssexismus normalisiert. (Bild: Christof Lampart)

«Inspiriert» durch die Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, dessen sexistische Wortwahl und Verhalten «Vorbild» («Grab em’ right by the pussy») für viele Amerikaner sein dürfte, wollte Valeria Restuccio in ihrer Maturaarbeit «Sexistischer Sprachgebrauch» erforschen, unter welchen Umständen und warum sexistische Sprache als akzeptabel empfunden wird. Und: Ob und warum das problematisch ist. «Ich wollte wissen, wie harmlos das «Sprücheklopfen» wirklich ist – und ab wann und wo eine Grenze überschritten wird, in der ein Sprüchlein nicht länger nur noch ein Sprüchlein ist», sagt Valeria Restuccio.

«Sprache ist das Stärkste, was wir haben»

Dabei ging es der 18-Jährigen keineswegs um eine wie auch immer geartete Abrechnung zwischen den Geschlechtern. Vielmehr wollte sie wissen, was Sprache im negativen Sinne «leisten» kann. «Ab wann unterdrückt Sprache andere Menschen, wie funktioniert unterdrückende Sprache und was bringt andere Menschen dazu, diese auch anzuwenden?», zählt die Bichelseerin auf, was sie beschäftigte. Für sie, die ein Philosophie-Studium in Zürich aufnehmen möchte, ist Sprache «das Stärkste, was wir haben». Dementsprechend vorsichtig müsse man damit umgehen.

Zwei wissenschaftliche Aspekte kombiniert

Für ihre Maturaarbeit kombinierte sie zwei wissenschaftliche Ansätze. Zum einen die aus der ­Kriminologie stammende «Broken Windows»-Theorie, die besagt, dass in Wohnquartieren, in denen Unordnung herrscht, sich automatisch noch mehr Unrat ansammelt, da dieses Wohnquartier mangelnde Kontrolle signalisiert. Somit steigt die Bereitschaft, auch andere Normen und Gesetze zu brechen. Derweil bleiben gepflegte Orte verhältnismässig sauber. Zweiter Aspekt waren die Erkenntnisse der US-Sprachphilosophin Mary Kate McGowans, die von Folgendem ausgeht: Nennt ein Sprecher eine Frau «Schlampe», setzt er damit nicht nur die betroffene Frau herab und schädigt sie. Er signalisiert seinen Gesprächspartnern zugleich, dass sexistische Sprache, und auch ganz allgemein eine abschätzige Perspektive auf Frauen, für ihn akzeptabel ist. Mit seiner Wortwahl erteilt der Sprecher seinen Gesprächspartnern sozusagen eine Lizenz dazu, Frauen als minderwertig zu behandeln.

Für junge Frauen ist «Bitch» alltäglich

Valeria Restuccio führte mit 474 Personen, darunter viele Wiler Kantischülerinnen und -schüler, eine Online-Umfrage durch, deren Kern ein fiktives Gespräch zwischen zwei Freunden bildete, das mit dem Satz endete: «Das glaube ich nicht; die Bitch gehört mir». Der Clou daran: Von diesem Gespräch erhielt die Hälfte der Probanden eine Version, in der sich die sexistische Sprache stetig hochschaukelte (also schon vor diesem Satz auffällig wurde), die andere Hälfte eine Version, die recht anständig und respektvoll blieb bis zu diesem letzten Satz. Und tatsächlich: Wie die Autorin aufgrund der sprachphilosophischen und sozialwissenschaftlichen Theorien vermutet hatte, empfanden die Probanden diesen Satz deutlich sexistischer und schlimmer, wenn er «aus dem Nichts» kam, als wenn er durch vorhergehende Normverletzungen vorbereitet wurde. Das lässt den Schluss zu: Wir empfinden die Verwendung von sexistischer Sprache also tatsächlich als Lizenz für weitere sexistische Sprache – und nicht nur das. Eine weitere Frage in Valeria Restuccios Umfrage testete, ob solche sexistische Sprache auch die Toleranz gegenüber praktischem, nicht-sprachlichem Sexismus, wie er zum Beispiel in Bewerbungsgesprächen vorkommen kann, vergrössert.

Omnipräsentes Wort trotz Entmenschlichung

Der jungen Sprachforscherin fiel auf, dass Männer und Frauen das erste Gespräch fast gleich stark sexistisch bewerteten und «Bitch» im schlimmsten Fall als «schlimmstes» Wort gewertet wurde. Dies erklärt sie so, dass die Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen stark vertreten war, und wenn heute eine Frau beleidigt wird, dann oft mit dem Wort «Bitch». Bitch ist eine Tiermetapher, mit der eine Frau als «(läufige) Hündin» (ursprüngliche Bedeutung des englischen Worts) entmenschlicht wird. Dennoch sei «Bitch» ein omnipräsentes Wort, das «in fast jedem Rap-Song vorkommt», weiss Valeria Restuccio.

Über ihre Arbeit zieht sie ein positives Fazit: «Ich konnte empirisch nachweisen, dass sexistischer Sprachgebrauch den Alltagssexismus verschiebt und normalisiert.» Es sei anzunehmen, dass dieser dann via eine Art von «Broken-Windows»-Effekt zu mehr nichtsprachlichem Sexismus führe.

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