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REGION: Gang vors Kreisgericht lohnt sich

Eine Toggenburgerin soll dem Betreiber einer Hanf-Indooranlage geholfen haben, Material für die Anlage zu besorgen, die von März bis Dezember 2016 in Betrieb war. So lautet der Vorwurf des Staatsanwalts. Dagegen wehrte sich die Frau vor dem Kreisgericht.
Martin Knoepfel
Ein Schweizer baute in einem Hobbyraum in Kirchberg neun Monate lang illegal Hanf an. Symbolbild: Donato Caspari

Ein Schweizer baute in einem Hobbyraum in Kirchberg neun Monate lang illegal Hanf an. Symbolbild: Donato Caspari

Martin Knoepfel

martin.knoepfel

@toggenburgmedien.ch

Für die Frau mit den blonden Haaren und den grossen Ohrringen geht es um ihren Job. So zumindest stellen sie und ihr Verteidiger es vor dem Kreisgericht Toggenburg in Lichtensteig dar. Nicht, das die Frau gegen eine missbräuchliche Kündigung klagen würde. Vielmehr wird sie ihre Stelle verlieren, wenn der Richter sie verurteilt und sie einen Eintrag im Strafregister hat. Sie sei gelernte Verkäuferin und habe bei ihrer heutigen Arbeitgeberin die Chance erhalten, in die Buchhaltung einzusteigen. Sie habe einen «Superjob», sagt die Angeklagte in der Befragung durch den Richter. Sie verdient mit einer 90-Prozent-Stelle 4600 Franken im Monat.

Gegen einen Strafbefehl wegen Beihilfe zum Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz wehrt sich die Toggenburgerin. Kürzlich hat die Verhandlung stattgefunden. Die Frau ist 39 Jahre alt und alleinerziehende Mutter. Sie lebt mit ihrem kleinen Sohn bei ihren Eltern in der Nähe der Stadt St. Gallen.

Mehrere Dutzend Säcke Blumenerde besorgt

Gemäss der Anklageschrift richtet ein Schweizer um die Jahreswende 2015/2016 eine Hanf-Indooranlage ein. Sie befindet sich im Hobbyraum des Hauses in Kirchberg, das er bewohnt. Der Strafbefehl gegen den Schweizer ist mittlerweile rechtskräftig (siehe Zusatztext).

Dünger, mehrere Dutzend Säcke Substraterde und Pflanzen für diese Plantage besorgt der Mann, der bei der Gerichtsverhandlung am Mittwoch gleich wie der Staatsanwalt abwesend ist, bei einem Grow-Shop in Sirnach. Dorthin fährt die Frau den Schweizer rund zehnmal.

Was im Grow-Shop gekauft worden sei, habe sie nicht mitbekommen, sagt sie vor Gericht. Das Geschäft biete gewöhnliche Gartenartikel an. Sie nennt Blumentöpfe als Beispiel. Sie sei nicht bei jedem Besuch im Grow-Shop im Laden gewesen. Manchmal habe sie mit dem Kind im Auto auf dem Parkplatz des Ladens gewartet. Vom Kauf der Lampen will die Frau nichts mitbekommen haben. Die Fahrten in den Thurgau erklärt sie damit, dass der Betreiber der Hanf-Indooranlage zu jener Zeit nicht Auto fahren konnte. Man habe samstags eingekauft und noch den Grow-Shop besucht.

Bedingte Geldstrafe und Busse beantragt

Mit den Fahrten zum Grow-Shop und dem Transport des Materials nach Kirchberg habe die Frau gewusst oder in Kauf genommen, dass die Waren dem Betrieb der Hanf-Indooranlage dienten. Das schreibt der Staatsanwalt im Strafbefehl und beantragt eine bedingte Geldstrafe von 60 Tagessätzen à 100 Franken gegen die Toggenburgerin.

Die objektiven Voraussetzungen für eine bedingte Strafe seien erfüllt, hält der Staatsanwalt fest. Die Frau ist vorbestraft, aber offenbar nicht einschlägig. Die Probezeit soll zwei Jahre betragen. Hinzu sollen eine Busse von 500 Franken, 350 Franken für Gebühren der Staatsanwaltschaft und die Untersuchungskosten des Instituts für Rechtsmedizin von 1455 Franken kommen. Das sind 2305 Franken, ohne die Kosten für die Überweisung des Falles ans Gericht.

Dem Vater ihres Kindes Vertrauen geschenkt

«Er ist der Vater meines Kindes. Wenn ich alles hinterfragen würde, was er sagt, wäre es sehr schwierig. Er hatte einen guten Job und hat gut verdient. Ich hätte nie gedacht, dass er das alles aufs Spiel setzen würde», sagt die Toggenburgerin in der Befragung. Ihr Partner habe ihr versichert, dass die gekauften Waren für einen Kollegen bestimmt seien und dass alles legal – «kein Graszeug» – sei.

Auf der Fernbedienung für die Hanf-Indooranlage hat man die DNA der Toggenburgerin gefunden. Sie erklärt das damit, dass sie bei ihrem Partner geputzt habe. Wahrscheinlich habe sie da die Fernbedienung berührt, die wohl herumgelegen sei. In die gleiche Kerbe schlägt der Verteidiger. Er beantragt einen Freispruch. Bei einem «Schuldig» sei die Geldstrafe mit höchstens 20 Tagessätzen zu bemessen. Sonst stimme das Verhältnis zur Strafe des Haupttäters nicht mehr.

Seine Mandantin habe gewusst, dass sie ihren Job durch eine Verurteilung aufs Spiel setzen würde. Der Betreiber der Anlage habe unabhängig davon ausgesagt, dass er seine Partnerin über den Zweck der Einkäufe im Dunkeln gelassen habe. Nach dem Prinzip «Im Zweifel für den Angeklagten» müsse man seine Mandantin freisprechen, sagt der Verteidiger.

Der Staatsanwalt spreche davon, dass die Angeklagte den wahren Sachverhalt geahnt habe. Das wäre als Fahrlässigkeit zu werten, die in diesem Fall nicht strafbar sei. Seine Mandantin habe die Hanf-Indooranlage nie gesehen. Sie habe legale Blumenerde gekauft und geholfen, Waren in eine Remise zu tragen. Sie habe nie eine Entschädigung für die eingegangenen Risiken erhalten und nicht ahnen können, dass ihr Partner krumme Geschäfte mache, sagt der Verteidiger.

Hinweis auf Ungereimtheiten

Nach kurzer Beratung spricht der Richter die Toggenburgerin frei. Die Verfahrenskosten trägt der Kanton. Die Toggenburgerin erhält 2700 Franken als Entschädigung für ihre Unkosten.

In der Kurzbegründung erwähnt der Richter Ungereimtheiten in der Anklageschrift und in den Protokollen einiger Einvernahmen. Der angeklagte Sachverhalt sei in subjektiver Hinsicht nicht belegt.

Bei einer anders formulierten Anklageschrift wäre er zu einem Schuldspruch gelangt, warnt der Richter die Toggenburgerin. Er legt ihr nahe, künftig daran zu denken, dass Gutgläubigkeit nicht immer gerechtfertigt sei.

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