REGION: Freispruch in erster Instanz

Einer ehemaligen Verkäuferin wird vorgeworfen, ihrem Arbeitgeber 10000 bis 20000 Franken aus der Kasse gestohlen zu haben. Das Kreisgericht Wil hat sie freigesprochen. Der Privatkläger hat Berufung angemeldet.

Hans Suter
Drucken
Teilen
1 (Bild: Ennio Leanza/KEY)

1 (Bild: Ennio Leanza/KEY)

Hans Suter

hans.suter@wilerzeitung.ch

Der Fall geht zurück auf die Monate Oktober 2014 bis Januar 2015. Eine Aushilfsverkäuferin einer Sirnacher Bäckereikette soll während dieser Zeit mehr als tausend Mal in die Kasse gegriffen haben, und so 10 000 bis 20 000 Franken entwendet haben (Ausgabe vom 21.10.2017). Gemäss Anklageschrift ereigneten sich die Vorfälle in den Filialen Sirnach, Wil und Schwarzenbach. Die damals 20-jährige Verkäuferin soll unter anderem über Stornobuchungen oder bei Barverkäufen ohne Quittung die Gunst des Moments genutzt haben, um in die eigene Tasche zu wirtschaften. Der Staatsanwaltschaft liegen seitenweise Dokumente vor, die solche Stornovorgänge dokumentieren sollen. Selbstverständlich gilt bis zu einer allfälligen Verurteilung die Unschuldsvermutung.

Privatkläger meldet Berufung an

An der kürzlich stattgefundenen Verhandlung vor dem Kreisgericht Wil in Flawil nahm der Fall eine Wende. Die Angeklagte wurde vom Vorwurf des gewerbsmässigen Diebstahls beziehungsweise der mehrfachen Veruntreuung freigesprochen und die Zivilforderung der Privatklägerin (ehemaliger Arbeitgeber) abgewiesen. Das Urteil wird rechtskräftig, wenn innert der gegebenen Frist keine Berufung angemeldet, oder gegen Zahlung von 2700 Franken eine schriftliche Begründung des Entscheids verlangt wird. Die Staatsanwaltschaft hat keine Berufung angemeldet, wie sie auf Anfrage bestätigte. Die Privatklägerin hingegen schon. Damit bleibt abzuwarten, ob das erstinstanzliche Urteil nach Vorliegen der schriftlichen Begründung weitergezogen wird. Das Urteil ist somit nicht rechtskräftig und es gilt die Unschuldsvermutung.

Verteidigung zerzaust die Anklageschrift

Der Verteidiger der angeklagten Verkäuferin ging hart ins Gericht mit der Staatsanwaltschaft. Zum einen legte er dar, dass alle Mitarbeitenden von jedem Ladenstandort aus, unter falschem Namen hätten Stornobuchungen machen, und in die eigene Tasche wirtschaften können. Die schriftlichen Buchungsauszüge bestätigten somit lediglich, dass Stornobuchungen erfolgt seien, nicht aber von wem. Das gelte sinngemäss auch für die registrierten Leeröffnungen der Kasse. Der Verteidiger zerzauste ebenso die Aussagen einer Auskunftsperson, die damals ebenfalls als Verkäuferin in dem Unternehmen tätig war und gegen die Angeklagte aussagte.

Gemäss der Ausführung des Verteidigers hatte die Auskunftsperson selber einen erheblichen Geldbetrag unterschlagen; die Rede ist von 12 000 Franken. Ihr wurde fristlos gekündigt. Das Strafverfahren gegen die Auskunftsperson sei jedoch eingestellt worden, als sich diese zur Rückzahlung und Aussage bereit erklärt hatte.

«Selbst wenn noch bewiesen wäre, dass die Angeklagte selbst diese häufigen Stornos und Leeröffnungen vorgenommen hätte, so würde dieser Umstand nichts darüber aussagen, dass die Angeklagte unter Verwendung von Stornos und Leeröffnungen Geld unterschlagen hat», sagte der Verteidiger. Zudem sei die Auskunftsperson nicht glaubwürdig, weil sie in der Sache eigene Interessen verfolgen könne.

Gewerbsmässigkeit: «Frage hinfällig»

Die Staatsanwaltschaft hatte die der Angeklagten zur Last gelegten Taten als gewerbsmässigen Betrug eingestuft. Nach Meinung des Verteidigers ist diese Einstufung «klar falsch». Wenn schon, handle es sich um Veruntreuung. Wer sich eine ihm anvertraute Sache aneigne, mache sich der Veruntreuung und nicht des Diebstahls schuldig. «Damit ist auch die Frage der Gewerbsmässigkeit hinfällig, denn das Gesetz kennt keine gewerbsmässige Veruntreuung.» Es sei, nebenbei gesagt, doch sehr erstaunlich, dass die Staatsanwaltschaft von gewerbsmässigem Diebstahl spreche, obwohl sie der Angeklagten keinen einzigen unrechtmässigen Bezug nachweisen könne. Ganz abgesehen davon sei auch Folgendes zu bedenken: «Wenn die bestrittenen Tathandlungen, die der Angeklagten vorgeworfen werden, gewerbsmässig waren, dann waren es doch wohl auch diejenigen der Auskunftsperson.» Gewerbsmässiger Diebstahl sei ein Delikt, bei dem der Staat ein erhebliches Interesse an der Durchführung einer Strafverfolgung habe. Doch die Staatsanwaltschaft habe das Strafverfahren gegen die Auskunftsperson mangels öffentlichem Interesse an einer Strafverfolgung eingestellt und damit durch ihr eigenes Verhalten eine Gewerbsmässigkeit verneint.

Der Verteidiger beantragte, die Angeklagte sei von Schuld und Strafe freizusprechen, unter Kosten- und Entschädigungsfolge zulasten des Staates. Der Einzelrichter folgte den Anträgen. Da gegen das Urteil Berufung angemeldet worden ist, ist es nicht rechtskräftig. Wie es in dem Verfahren weitergeht, ist zurzeit noch offen. Es gilt weiterhin die Unschuldsvermutung.