REGION: Das Fressen kommt vor der Moral

Qualität ja, aber zum Discountpreis. Der Anspruch vieler Kunden treibt zuweilen sonderbare Blüten. Die einen wollen den Preis verhandeln, während andere direkt nach Konstanz gehen. Geniesser und Verantwortungsbewusste schütteln den Kopf.

Daniel Wallimann
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Gute Qualität hat ihren Preis. Ob Fleisch von der Bedientheke oder abgepackt aus dem Gestell: Der Preis ist gleich. (Symbolbild: Walter Bieri/KEY)

Gute Qualität hat ihren Preis. Ob Fleisch von der Bedientheke oder abgepackt aus dem Gestell: Der Preis ist gleich. (Symbolbild: Walter Bieri/KEY)

Daniel Wallimann

daniel.wallimann@wilerzeitung.ch

Wer als Metzger überleben will, muss seine Kunden ernst nehmen. Dank diesem Credo weiss Guido Fürer von der Metzgerei Fürer in Flawil: «Die Kunden von heute wollen keine Kottelets oder Rindshuftsteaks mehr aus der Massenproduktion.» Denn es sei ihnen wichtig, dass das Stück Fleisch auf ihrem Teller vom Bauernhof aus der Region stamme und nicht mit dem Lastwagen durch das halbe Land gekarrt werde. «Und dafür bezahlen sie gerne den einen oder anderen Franken mehr», sagt der Metzgermeister.

Bio-Gütesiegel versus Mundpropaganda

Sein Geschäft in Flawil zähle dank reger «Mund-zu-Mund-Propaganda» noch auf einen Kundenstamm, der seine regionale Verankerung zu schätzen wisse. Diese könne er als Kleinunternehmer aber nicht wie Grossverteiler, die zum Beispiel Bio-Gütesiegel auf ihre Pouletpackungen kleben, aktiv bewerben. «Weil mir schlichtweg das Geld dazu fehlt», sagt Fürer. Er bürge einzig mit seinem guten Namen. Bislang habe der noch Gewicht, wie er sagt. «Wegen des Vertrauens kaufen die Kunden nach wie vor bei mir ein.» Aber gerade Kunden mit kleinem Budget – «Familienväter, die viele Mäuler stopfen müssen» – weichen auf Grossverteiler oder ins grenznahe Konstanz aus. Wo sie deren geschickten Werbemassnahmen auf den Leim gehen, mutmasst er. Bei Sonderangeboten «Heute: Kalbsvoressen, 50 Prozent billiger!» verliere jeder irgendwann den Überblick. «Doch an der Theke zeigt sich , dass das Fleisch nicht immer billiger ist.»

Es wird gefeilscht wie auf dem Basar

Der Metzger eines solchen Grossverteilers in Wil, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, bestätigt das Bild. Es gebe zwei Arten von Kunden: «Solche, denen ich das Fleisch an der Theke aufschneide und die sich für die Tierhaltung interessieren.» Und dann sei da der Rest: Für diesen Grossteil sei der Preis wichtig. Sie wüssten ganz genau, dass sie im grenznahen Deutschland und Österreich das Pouletgeschnetzelte oder den Kabeljau zur Hälfte billiger bekämen. Und kauften deswegen kaum noch an der Fleischtheke ein, sagt er. Anfangs hätte er noch geglaubt, dass die Leute insgesamt weniger Fleisch essen würden. Doch mittlerweile wisse man, dass sie nach Deutschland oder Österreich zum Discounter fahren. Mit dem Einkaufstourismus sei es so: «Alle reden davon, aber niemand steht dazu.» Diese Kunden versuche man trotzdem mit Sonderangeboten und Rabatten zu ködern. Dies habe jedoch zur Folge, dass sie immer mehr auf abgepacktes Fleisch aus dem Kühlregal zurückgreifen würden. Die Schnäppchenjagd treibe zwischendurch auch sonderbare Blüten: «Eine Kundin wollte an der Fleischtheke um Entrecote feilschen», erinnert sich der Metzgermeister. «Wie auf dem Basar.» So ungewöhnlich dies auf den ersten Blick auch erscheinen möge: Das sei längst kein Einzelfall mehr.

Der Fleischkonsum ist nicht rückläufig

Dass der Preis vor dem guten Gewissen komme, glaubt auch Elias Welti, stellvertretender Direktor des Schweizerischen Fleischfachverbandes (SFF). «Von Fleischverzicht kann nicht die Rede sein.» Dieser Mumpitz halte sich hartnäckig in den Köpfen fest, sagt er. Eine Untersuchung habe jedoch ergeben, dass Schweizerinnen und Schweizer im vergangenen Jahr im Durchschnitt 50,98 Kilogramm pro Person vertilgten. Gegenüber dem Vorjahr seien dies zwar 510 Gramm weniger. Allerdings sei darin das Fleisch, das im grenznahen Ausland eingekauft worden sei, nicht mitgerechnet.

Immer mehr Konsumentinnen und Konsumenten deckten sich im Ausland mit günstigem Fleisch ein. Dort drückten sie wegen der Produktionsbedingungen und Tierhaltung schon einmal beide Augen zu. Es werde zudem immer mehr Fleisch in die Schweiz geschmuggelt. «Das gilt bislang als Kavaliersdelikt, kostet die Wirtschaft aber Unsummen.»