REGION: Angst vor dem Mahnfinger

Hinter vorgehaltener Hand beschäftigt das Thema nach wie vor in der Region Wil: Wer kauft im Ausland ein? Was wird gekauft? Wie viel wird gekauft? Eine Strassenumfrage legt den Schluss nahe, dass neben billigeren Auslandeinkäufen vermehrt auf regionale Anbieter gesetzt wird.

Christoph Heer
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Blick in die Fussgängerzone Obere Bahnhofstrasse in Wil: Belebt, aber nicht überlaufen. Seit der Aufhebung der Franken/Euro-Untergrenze kaufen noch mehr Konsumenten im nahen Konstanz ein. (Bild: Christoph Heer)

Blick in die Fussgängerzone Obere Bahnhofstrasse in Wil: Belebt, aber nicht überlaufen. Seit der Aufhebung der Franken/Euro-Untergrenze kaufen noch mehr Konsumenten im nahen Konstanz ein. (Bild: Christoph Heer)

REGION. Mehr denn je praktizieren es, dennoch ist das Einkaufen im nahen Ausland ein Tabuthema geblieben. Entsprechend ungern äussern sich Betroffene zu ihren Einkäufen im Ausland.

Unerkannt bleiben

Spürbar leichter fällt es den Befragten, sich unter der Garantie zu äussern, dass weder Namen noch Bilder veröffentlicht werden. Dieses Verhalten bestätigt den Eindruck, dass viele, die sich im nahegelegenen Ausland – aus der Region Wil hauptsächlich in Konstanz – mit günstigen Alltagsprodukten eindecken, nicht dazu stehen mögen. Keiner will, dass jemand mit erhobenem Mahnfinger auf ihn zeigt, wenn er am Samstag mit vollgepackten deutschen Einkaufstüten nach Hause kommt.

Geld sparen zum Schulbeginn

Seit zwei Wochen gehen die Kinder wieder zur Schule. Die Erstklässler drücken zum ersten Mal in ihrem Leben die Schulbank. Klar, dass man sich dazu mit dem nötigen Schreib-, Mal- und Rechenwerkzeug ausrüsten muss. Zur Zeit der Umfrage herrschte entsprechend Hochbetrieb an der Oberen Bahnhofstrasse und der gleichnamigen Wiler Fussgängerzone. Insbesondere in der Papeterie an der Oberen Bahnhofstrasse war ein immenses Kommen und Gehen zu beobachten. Doch nicht alle verliessen das Geschäft mit gekaufter Ware. Eine befragte Frau erklärte, sie fahre gleichentags nach Konstanz. Sie sei sicher, dort viel Geld zu sparen. «Ich brauche viel Schreibmaterial. Und wenn ich grad dort bin, werde ich auch Haushaltartikel für etwa 150 Franken kaufen.»

Toilettenartikel gefragt

«Ja, ich gehe ins nahe Ausland. Vorwiegend für die bei uns überteuerten Toilettenartikel», bestätigt eine weitere Person. Esswaren hingegen kaufe sie hier. «Wir haben ja genügend Aldis und Lidls, wo es auch günstig ist und keine Qualitätseinbussen zu befürchten sind.» Die Umfrage zeigte aber auch, dass ältere Personen mehr bei Anbietern in der Region einkaufen: «Wo kommen wir denn hin, wenn wir unsere Landwirte und sonstigen Anbieter nicht mehr berücksichtigen? Niemals würde ich im Ausland einkaufen.» Ein junges Paar erklärt hingegen, dass es einmal im Monat für etwa 200 Franken in Konstanz einkauft. «Rasierklingen, Shampoo, Deodorants. Bei uns viel zu teuer.» Das bestätigt auch eine sich in Ausbildung befindende Malerin: «Mit meinem Lehrlingslohn komme ich in Konstanz viel weiter als hier.»

Ältere Menschen sind loyaler

Befragt man Personen zu ihren Fleischeinkäufen, so fällt auf, dass der hiesige Metzger von nebenan immer noch die Nummer eins ist. «Für ein richtig gutes, saftiges Steak gebe ich lieber etwas mehr aus, dafür weiss ich, was ich habe», sagte ein Herr mittleren Alters, während ein 84jähriger Mann empfiehlt, grundsätzlich auf Regionales zu setzen. «Wir sollten alle hier einkaufen; unsere Geschäfte bilden Lehrlinge aus und sorgen für Arbeitsplätze. Ich war noch nie im Ausland für einen Einkauf.»

Aktuell macht auf Facebook eine Mitteilung die Runde. Eins zu eins übernommen lautet sie: «Fahrt ruhig nach Deutschland, um zu schauen, ob es dort etwas billiger zu kaufen gibt. Aber beklagt Euch nie, wenn Euer Arbeitgeber dann mal nach Rumänien fährt, um zu schauen, ob man Eure Arbeit dort nicht auch billiger bekäme.»

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