Reden ist Silber, Singen ist Gold: Der Männerchor Frohsinn aus Oberuzwil ist 181 Jahre alt - und keineswegs müde

Singen, davon ist Präsident Thomas Künzle überzeugt, sei gerade in Zeiten zunehmender Individualisierung und Digitalisierung, aktueller denn je.

Philipp Stutz
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Der Männerchor Frohsinn, dirigiert von Heidy Gerber und begleitet von Pianist Hanspeter Nadler, feierte sein 180-jähriges Bestehen sowie die Einweihung des neuen Flügels mit einem «Konzert rund ums Dorf». (Bilder: Philipp Stutz)

Der Männerchor Frohsinn, dirigiert von Heidy Gerber und begleitet von Pianist Hanspeter Nadler, feierte sein 180-jähriges Bestehen sowie die Einweihung des neuen Flügels mit einem «Konzert rund ums Dorf». (Bilder: Philipp Stutz)

«Singen ist eine schöne Freizeitbeschäftigung», sagt Thomas Künzle, «vom Druck, der im Alltag auf einem lastet, kann man sich befreien.» Jeweils mittwochs treffen sich Mitglieder des Männerchors Frohsinn in ihrem Stammlokal, dem «Rössli», zur Probe. «Ich gehe gerne hin, muss mich nicht dazu aufraffen», sagt Künzle, der seit neun Jahren dabei ist und nun als Präsident fungiert.

Beim Einsingen wird die Atemtechnik mit bestimmten Übungen gefördert. Gesungen wird vierstimmig und querbeet in verschiedenen Stilrichtungen. «Wir musizieren gerne, sind aber keine Profis», lautet das Credo. Die Lieder handeln von (meist verflossener) Liebe und Schmerz. Trinklieder gehören ebenfalls zum Repertoire. Und auch traurige Momente gibt’s im Vereinsleben, wenn etwa ein Chormitglied zu Grabe getragen werden muss. Dann kommt besinnliches Liedgut zum Zug, wie etwa das Appenzeller Landsgemeindelied oder «Wohin soll ich mich wenden» aus der «Deutschen Messe» von Franz Schubert. «Das sind emotionale Momente», sagt Künzle. Sein Lieblingslied heisst «Mini mini Freud». Kein typisches Stück für einen Männerchor. Sondern eine Art Volksjodel.

Jüngster ist Mitte dreissig, der Älteste Mitte achtzig

Der Männerchor ist ein Verein mit Tradition, dem 33 Mitglieder angehören. Dirigentin Heidy Gerber versteht es, deren Potenzial auszuschöpfen. Der Jüngste ist Mitte dreissig, der Älteste zählt um die 85 Lenze.

Von jeher war der Gesang edler Ausdruck menschlichen Gemüts. Der Vereinszweck, in der Gemeinschaft zu singen, ist in einer Zeit zunehmender Individualisierung aktueller denn je. «Gerade in unserer digitalisierten Welt erfüllt das Singen eine wichtige Funktion», sagt Künzle, beruflich als Informatiker tätig. Der Präsident, der im zweiten Tenor mitsingt, bestreitet das Vorurteil, dass Singen nicht mehr «in» sei. Viele Chöre haben zwar den Sprung in die Moderne nicht geschafft. Sie mussten sich auflösen, wie etwa der Damenchor Oberuzwil. Doch der «Frohsinn» weiss sich zu behaupten. «Es ist schön, dass wir über eine altersmässig gute Durchmischung verfügen», sagt Künzle. Selbstverständlich finden sich unter den Sängern ergraute Häupter, viele Ältere und Pensionierte. Doch immer wieder stossen jüngere Barden dazu. «Und solange man singen kann, bleibt man im Chor.» Bei vielen Jugendlichen sind die typischen Schweizer Volkslieder kaum mehr bekannt. Doch heute gibt’s Apps, um Liedtexte herunterzuladen.

Wichtigstes Instrument ist der Flügel, den der Verein zum 180-jährigen Bestehen vor einem Jahr erhalten hat. Dank Sponsoren konnte das alte Piano, das bereits über 100 Jahre auf dem Buckel hatte, durch einen Hybrid-Digitalflügel ersetzt werden. «Das neue Instrument hat einen weichen, warmen Klang, eignet sich sowohl für Klassik als auch Popmusik», weiss Hanspeter Nadler, Hauptpianist des Chors.

Thomas Künzle singt im zweiten Tenor und ist Präsident des Vereins.

Thomas Künzle singt im zweiten Tenor und ist Präsident des Vereins.

Geselliges Beisammensein kommt nicht zu kurz

Im Chor wird aber nicht nur gesungen. Das gesellige Beisammensein ist ebenso wichtig. Der lockere Austausch bei Bier oder Wein kommt nicht zu kurz. Oft sitzen die Sänger nach einer Probe noch beisammen, und nicht selten wird dabei zu nächtlicher Stunde ein Lied angestimmt. Wie etwa der «Bajazzo», der zum Repertoire jedes Männerchors gehört. Der Verein führt Konzerte und Ständchen durch, gestaltet Gottesdienste mit, teils alleine, aber auch in Verbindung mit anderen Chören oder Solisten. Regelmässig nimmt der Frohsinn an Sängerfesten oder Sängertagen teil.

Einmal monatlich besucht der Chor neben dem Stammlokal ein weiteres Restaurant, um sich musikalisch bei seinen Gönnern zu bedanken. Der Verein macht mit einfachen Mitteln wie etwa Flyern auf sich aufmerksam. «Am besten hat sich aber die Mund-zu-Mund-Propaganda bewährt», weiss Künzle. Interessenten können an Schnupperproben teilnehmen und sich entscheiden, ob sie im Chor mitsingen wollen.

Alle drei Jahre eine Sängerreise

Einen Boom erleben zurzeit die sogenannten Projektchöre. Sie werden jeweils für ein Projekt gegründet und sind mit keinen weiteren Verpflichtungen verbunden. Eine gute Methode, um junge Leute für sich zu gewinnen. «Vielleicht versuchen wir das auch mal», sagt Künzle.

Eine gute Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen, besteht beim Maibaumfest. Die traditionelle Sängermetzgete, die der «Frohsinn» jeweils in der alten Gerbi durchführt, ist für die Sänger mit einigem Aufwand verbunden. «Das ist unsere Haupteinnahmequelle, mit der wir unsere Ausgaben finanzieren können», betont Thomas Künzle. Alle zwei Jahre veranstaltet der Männerchor zudem das Tonfenster, eine Plattform mit abwechslungsreichen Gesangsdarbietungen. Einen weiteren Höhepunkt bildet die Sängerreise, die im Drei-Jahres-Rhythmus stattfindet. Nächstes Jahr ist eine Reise nach Sizilien geplant. Doch zunächst steht am 26./27. Oktober die Chilbi auf dem Programm. Der Chor wird mit einem Stand vertreten sein. Mit welcher Attraktion die Sänger die Chilbi-Besucher überraschen wollen, will der Präsident aber noch nicht verraten.