Reaktion auf Hilferuf der Marktfahrer: In Degersheim wird ein grosser Warenmarkt unter Coronabedingungen durchgeführt

Der Degersheimer Jahrmarkt ist abgesagt. Alternativ wird am 6. und 7. September ein Warenmarkt durchgeführt: eine Win-win-Situation.

Andrea Häusler
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Das war einmal: Der Degersheimer Jahrmarkt bleibt dieses Jahr abgesagt. Stattdessen führt die Sektion Ostschweiz des Schweizerischen Marktfahrerverbands im Dorfzentrum einen Warenmarkt mit 50 bis 60 Marktständen durch.

Das war einmal: Der Degersheimer Jahrmarkt bleibt dieses Jahr abgesagt. Stattdessen führt die Sektion Ostschweiz des Schweizerischen Marktfahrerverbands im Dorfzentrum einen Warenmarkt mit 50 bis 60 Marktständen durch.

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Thomas Spahr

Thomas Spahr

Bild: Andrea Häusler

Thomas Spahr ist der Verzweiflung nah, wirkt konsterniert und einigermassen ratlos. Als Vertreter der Sektion Ostschweiz des Schweizerischen Marktfahrerverbands schmerzt es ihn, wie landauf und landab die lokalen Herbst(jahr)märkte abgesagt wurden und werden. Und nicht nur das. Verschiedene Städte und Dörfer hätten bereits entschieden, dieses Jahr auch ihre Weihnachtsmärkte ausfallen zu lassen. «Corona sorgt für triste Weihnachten, wenn das so weitergeht», resümiert er. Dabei würden Märkte laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) nicht als Veranstaltungen qualifiziert und unterlägen nicht den Vorgaben zur Maximalzahl von 1000 teilnehmenden Personen. «Eine Durchführung unter Schutzauflagen wäre folglich problemlos möglich», sagt Thomas Spahr.

Wären da nicht die Stolpersteine unterschiedlicher kantonaler Vorgaben und die allgemeine Zurückhaltung der Veranstalter. «Viele Gemeinden und private Organisatoren sagen ihre Anlässe wegen der Unsicherheiten ab, verzichten aufgrund der Coronaauflagen oder wollen in einer schwierigen Zeit keine falschen Zeichen setzen.»

Statt des Jahrmarkts ein reiner Warenmarkt

Auch die Gemeinde Degersheim entschied, dieses Jahr mit der rund 150-jährigen Tradition zu brechen und keinen Jahrmarkt zu veranstalten. «Dann erreichte uns der Hilfeschrei der Ostschweizer Marktfahrer», sagt Andreas Baumann, Gemeindeschreiber und Marktchef in Degersheim. Nach Prüfung des Gesuchs sowie des vom Bundesamt für Gesundheit abgesegneten Corona-Schutzkonzepts sei die Durchführung eines Warenmarktes bewilligt worden. Baumann betont aber: «Es wäre falsch, zu sagen, der Degersheimer Jahrmarkt finde nun doch statt.» Denn der Anlass vom 6./7. September unterscheide sich nicht nur in Bezug auf den Veranstalter vom Traditionsanlass. «Es handelt sich um eine reine Marktveranstaltung mit Ständen, an denen Waren angeboten werden. Die Vergnügungselemente werden fehlen.» Das Strassenfestival falle aus und man werde vergeblich nach Vereinsbeizen und Partyzelten suchen. «Die Gastronomie finde nur in den Gaststätten statt.»

Einbahnverkehr und Bodenmarkierungen

Thomas Spahr stellt eine Marktstadt mit rund 50 bis 60 Ständen in Aussicht. Das Angebot umfasst Produkte, die vom Magenbrot und der Zuckerwatte bis zu Kleidern, Schmuck oder Gartenutensilien reichen. Und mancher Marktfahrer, der bisher schon am Degersheimer Jahrmarkt präsent war, wird auch dieses Jahr mit dabei sein.

Völlig frei bewegen können sich die Besucherinnen und Besucher coronabedingt allerdings nicht. Das Publikum wird in einem Einbahnverkehrssystem durch die Marktstadt geführt, mit Desinfektionsmitteln versorgt und mit Bodenlinien an die Abstandsvorgaben erinnert.

Zwei Bahnen auf dem Marktplatz

Ein bisschen Fun gibt es an den beiden Markttagen aber dennoch. Unabhängig vom Anlass des Marktfahrerverbands und mit separater Bewilligung werden in einem eingezäunten Bereich auf dem Marktplatz ein Kinderkarussell und der Autoscooter betrieben. Die Kinder wird es freuen. Aber nicht nur der Bahnen wegen: Sie haben an diesen Tagen schulfrei.

Thomas Spahr ist glücklich über die Bewilligung aus Degersheim. Umso mehr, als das Echo der anderen angeschriebenen Kommunen bisher bescheiden geblieben ist. «Wir haben alle Gemeinden, die ihre Jahrmärkte abgesagt haben, kontaktiert», sagt er. Nebst Degersheim habe einzig Altstätten reagiert. Dort würden nun an zwei Wochenenden Marktveranstaltungen auf der Allmend durchgeführt. Thomas Spahr ist überzeugt:

«Das Coronajahr wird einige von uns
die Existenz kosten»

Aktuell sind in der Ostschweizer Verbandssektion rund 220 Mitglieder organisiert.

Chance auf neue Kundenkreise

Monika Scherrer

Monika Scherrer

Bild: PD

Gemeindepräsidentin Monika Scherrer sieht in der Alternative zum Jahrmarkt eine Win-win-Situation. Einerseits werde damit eine von der Coronapandemie existenziell bedrohte Berufsgattung unterstützt. Anderseits müsse nicht vollständig auf den (Jahr-)Markt verzichtet werden, der in Degersheim eine grosse Tradition habe und einfach ins Jahresprogramm gehöre. Vom Warenmarkt verspricht sie sich aber auch eine Chance, neue Käuferkreise zu erschliessen und damit die Entwicklung des Degersheimer Jahrmarkts in eine neue Richtung zu beeinflussen: Eher weg vom Funanlass und hin zur ursprünglichen Form der Marktveranstaltungen, in deren Zentrum – nebst Begegnungen – der Verkauf und Kauf von Produkten steht, die anderswo kaum erhältlich sind.