«Rauschen Sie gut weiter!»

Die höchste Vernünftigkeit ist ein kalter, klarer Zustand, der fern davon ist, jenes Gefühl von Glück zu geben, das der Rausch jeder Art mit sich bringt.» Aha. Es geht also um den Rausch an diesem Abend mit Nicole Knut und Olga Tucek.

Michael Hug
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Geben sich eine Halbzeit lang dem Rausch hin, dann folgt die Ernüchterung: Nicole Knut und Olga Tucek (r.). (Bild: Michael Hug)

Geben sich eine Halbzeit lang dem Rausch hin, dann folgt die Ernüchterung: Nicole Knut und Olga Tucek (r.). (Bild: Michael Hug)

Die höchste Vernünftigkeit ist ein kalter, klarer Zustand, der fern davon ist, jenes Gefühl von Glück zu geben, das der Rausch jeder Art mit sich bringt.» Aha. Es geht also um den Rausch an diesem Abend mit Nicole Knut und Olga Tucek. Bei solchen Sinnsprüchen muss man – das Publikum im Flawiler Lindensaal – erst mal leer schlucken. Doch es ist nur die Einführung in den berauschten Abend, der, sinngemäss, mit einer Flasche Rotwein beginnt und weitere nachdenkenswerte Äusserungen enthält. Dazu kategorisieren die beiden Damen den sich selbst gegebenen und selbst getrunkenen Inhalt des Programms in zehn Kapitel. Wovon gleich das erste schon manchen Mann leicht unruhig werden lässt auf seinem Stuhl: «Rausch und Frau».

Spiralförmige Textur

Der Rausch sei, das hätten irische Wissenschafter festgestellt, mit seiner spiralförmigen Textur und seiner flächendeckenden Nachhaltigkeit eng mit dem Gensatz des weiblichen Geschlechts verwandt, sagt Knut. Aha. Tucek derweil nippt nicht nur am Glas, sondern trinkt es in einem Zug leer und lässt ihr Akkordeon aufheulen. Warum hat das Duo – oder haben andere Kabarettisten – nicht schon früher diesen zutiefst menschlichen Aspekt des Lebens thematisiert? Der Rausch scheint nämlich viel herzugeben, wird im Laufe des Abends klar. Für Knut und Tucek ein Grund mehr, im Selbstversuch die nötigen Grundlagen zu erforschen. Das Publikum kann live an diesem teilnehmen und sich die Aus- und Nebenwirkungen des Rausches vor Augen führen lassen.

Saufen und schnupfen

Es wird also heftig gesoffen auf der Bühne und geschnupft, was das weisse Zeug hält. Die Frau links, Nicole Knut, beginnt zu tanzen, die rechts, Olga Tucek, spielt und singt Lieder im Stile angesäuselter Hafenspelunkengäste. Das zum Thema Frau und Rausch. Ob der zunehmenden Berauschtheit werden die Damen die Ansage der weiteren Kapitel übergehen, frech und spitz und zuweilen ziemlich sarkastisch die eine und andere Tragödie aus Politik und Gesellschaft den Rauschmitteln zumessen. Auch sich selbst verschonen die Zwei nicht: «Warum sind wir statt Satirikerinnen nicht gleich Terroristinnen geworden – da sieht man wenigstens Resultate!» Der Rausch gebiert Einsichten und löst Zungen. Tucek sieht das pragmatisch: «Wer weiss, hätten sich unsere Wege nie gekreuzt, würden wir vielleicht diesen Konzern mit dem orangen Schriftzug leiten, statt dessen Logo auf unsere Flyer drucken zu müssen.»

Die grosse Ernüchterung

Der Rausch überbordet, zum finalen Kollaps kommt es trotzdem nicht, denn kurz davor ist Pause. Es folgt die grosse Ernüchterung. Der Kater auf dem heissen Blechdach. «Räusche haben kurze Beine», sagt Knut und vergleicht den Rausch mit der Kindheit. Ein Rausch sei ja nichts anderes als die Lösung von Bindungen und Konventionen: «Sind unsere Leben und das, was wir darin tun, nicht nur die verzweifelte Suche nach der Erinnerung an unser Kindsein?» Wir gäben uns dem Rausch in allen seinen Varianten hin auf dieser Suche, so die Deutung, statt dass wir nüchtern jenen Zustand des befreiten kindlichen Glücks zu erreichen versuchten. «Rauschen Sie gut weiter!», sagen Knut und Tucek. Der Sinnspruch in der Einleitung übrigens stammt im Original von Friedrich Wilhelm Nietzsche.