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Rassistisches Schulbuch: Wie geht die Bibliothek mit politisch inkorrekten Büchern um?

Ein rassistisches Schulbuch in einer Wiler Schule sorgt für Aufregung. Doch wo liegt die Grenze zwischen politischer und historischer Korrektheit? Die Stadtbibliothek beschäftigt sich regelmässig mit dieser Frage.
Nicola Ryser

Der «Negerhäuptling» heisst grosser Löwe, die Geschichte handelt von Frauenraub, und das Bild zeigt einen stereotypen Wilden aus dem afrikanischen Busch: Ein Lehrbuch aus einer Wiler Primarschule stiess vergangene Woche auf viel Empörung und Unverständnis. Das Buch, das in den Neunzigern geschrieben und überarbeitet wurde, entbehrte in Zeiten von Antirassismus und Diversität jeglicher politischer Korrektheit, so die Kritik.

Dass Schul- und Lehrbücher aufgrund zeitgemässer Aufarbeitung ins Visier geraten, ist ein Dauerthema. Doch wo liegt die Grenze zwischen Aktualität und Historie? Seit 1999 ist der Begriff Neger im Glossar belasteter Wörter der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, doch galt er davor als gesellschaftlich akzeptiert und wird auch in historischen Schriften oder älteren Romanen als solcher benutzt. Wie ist da der Umgang mit solchen Inhalten?

Bestand wird immer wieder überprüft

Barbara Sager, Co Leiterin der Stadtbibliothek Wil. (Bild: Nicola Ryser)

Barbara Sager, Co Leiterin der Stadtbibliothek Wil. (Bild: Nicola Ryser)

Die Wiler Stadtbibliothek, die zurzeit rund 30'000 Medien für Kinder und Erwachsene führt, muss sich regelmässig mit diesem Thema befassen. «Ziel und Aufgabe einer Bibliothek ist es, der Kundschaft möglichst aktuelle Medien präsentieren zu können», sagt Barbara Sager, Co-Leiterin der Stadtbibliothek. Darum entscheidet das Team aufgrund der Kriterien Thematik, Aktualität, Beliebtheit und Kostenpunkt, welche Medien aufgenommen werden.

Und nicht nur das: «Jede Bibliothekarin überprüft im jeweiligen Medienbereich, den sie betreut, regelmässig den Bestand.» So würden immer wieder defekte, unattraktive und unbeliebte Bücher ausgeschieden.

«Dabei stösst man manchmal auf alte Medien, die vom Thema oder von der Aufmachung her nicht mehr zeitgemäss sind und deshalb makuliert werden müssen.»

Zwar hat die Bibliothek keine offiziellen Lehrmittel im Sortiment, doch bietet sie als Schulbibliothek Lesestoff für Kinder auf der Primarstufe. Wenn da der Inhalt eines Sachbuches nicht mehr korrekt sei, entferne man es.

Reklamationen habe es bisher nur wenige gegeben. Und diese waren oft von gleicher Art. Sager sagt: «Wir haben beispielsweise schon Reaktionen erhalten zu allzu realistisch aufgemachten Aufklärungsbüchern oder zu Filmen, deren Inhalt nicht der angegebenen Altersgruppe entsprechen.»

Sie hätten die Rückmeldungen geprüft und je nach Fall ein Medium einer anderen Altersgruppe zugeordnet oder aus dem Sortiment genommen, wenn der sachliche Inhalt nicht mehr aktuell oder die Bilder nicht mehr zeitgemäss gewesen seien.

Romane über Sklaverei und Apartheid bleiben im Regal

Sager selbst findet zwar, dass Medien mit politisch unkorrektem Inhalt nicht in eine Bibliothek gehörten, erkennt aber gleichzeitig die Gratwanderung, die sich beim Unterscheiden zwischen politischer und geschichtlicher Korrektheit ergibt:

«Wo ist da die Grenze? Aufgrund des unzeitgemässen Frauenbildes in vielen Märchen dürften wir eigentlich keines davon mehr im Bestand haben. Und doch sind sie beliebt und gehören zu unserer Kulturgeschichte.»

Gleiches gelte für historische Erwachsenenromane über Sklaverei oder Apartheid. Diese blieben im Regal und werden auch ausgeliehen, «schliesslich wird ein zentrales Thema von früher aus der Sicht von damals beleuchtet». Für eine Bibliothek sei es wichtig, die eigene literarische Vielfalt zu pflegen und gleichzeitig zur Meinungsbildung anzuregen. «Das bedeutet, dass wir auch mal ein Buch anschaffen, dessen Inhalt in der Fachpresse konträr besprochen wurde.»

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