Rassismus hat viele Facetten: Wie das interkulturelle Theater Giraffenland versucht, Vorurteile abzubauen

Die Auseinandersetzung mit der Ideologie kann dazu beitragen, Rassismus zu überwinden. Das zeigte das interkulturelle Theater Giraffenland im Kirchen- und Gemeindezentrum in Wilen.

Christof Lampart
Drucken
Teilen
Anfänglich halten sie noch klar Distanz. Doch dann entwickelt sich zwischen den Figuren in «Giraffenland» eine poetische Vertrautheit, welche alle kulturellen Vorurteile dahinschwinden lässt.

Anfänglich halten sie noch klar Distanz. Doch dann entwickelt sich zwischen den Figuren in «Giraffenland» eine poetische Vertrautheit, welche alle kulturellen Vorurteile dahinschwinden lässt.

Bild: Christof Lampart

Emma (Vreni Achermann) aus dem Luzernischen hat die Schnauze voll von ihrem Leben als Milchkuh und flieht von der Melkmaschine weg nach Süden in Richtung Afrika. Denn sie will Künstlerin werden und nicht dereinst am Ende eines langen Leistungslebens auf der Schlachtbank landen.

Ausgelöst wurde dieser Wunsch durch die Radiosendung «Tiere und Horizonte», in der eine instrumentenspielende Giraffe mit dem Namen Griot (Sadio Cissokho) porträtiert wurde. Diese will sie finden, um herauszufinden, wie ihr Leben besser, schöner, erfüllter werden könnte.

Migration für einmal in die andere Richtung

In «Giraffenland», einem Stück, das sich mitnichten nur für Kinder eignet, verläuft die Migration für einmal anders, als wir sie tagtäglich durch die Medien wahrnehmen. Der Süden wird – wie schon zu Zeiten Goethes und Schillers – zum kulturellen Sehnsuchtsort.

Zwar wachsen in dem Land der Träume keine Zitronen, doch ganz ohne «Saures» verläuft die Integration nicht. Denn die anfängliche naive Freude darüber, den unbekannten, geliebten Künstler Griot kennen lernen zu können, weicht der unausgesprochenen Furcht davor, ob das «Schwarz» auch wieder von der eigenen Haut abgehen wird, falls man sich dazu entschliessen sollte, ihn zu berühren.

Vorurteile werden abgebaut

Doch erst wer Fremde anhand der ihren und der eigenen Bedürfnisse kennen lernt, merkt, dass sie uns in vielem ähnlich sind. Bei Kuh und Giraffe beginnt der Weg zur Erkenntnis beim gemeinsam genossenen Grünfutter: Wir sind beides Grasfresser. Somit ist auch die Angst vor den Hörnern gebannt und die Furcht davor, die Unbekannte mit der Glocke um den Hals könne ein Karnivore sein.

Auf diese Weise wird ein Klischee nach dem anderem von den beiden sich lustvoll durch die afrikanische Steppe tanzenden, singenden, jodelnden und musizierenden Wiederkäuern ad absurdum geführt.

Der Höhepunkt im interkulturellen Musiktheater ist der Moment, an dem aus dem Fremdem ein Freund, aus der Fremden eine Freundin wird. Sie lernt von ihm ein afrikanisches Lied (denn sie will ja Künstlerin werden), er darf sehen, was sie in ihrem roten Koffer mit sich führt, deren Inhalt sie wie ein Geheimnis vor fremden Augen hütet.

Und so entsteht durch einen klassischen «Kuhhandel» auf der Bühne eine herzerwärmende Vertrautheit zwischen den Protagonisten, die zwar nicht unerwartet ist – schliesslich handelt es sich bei «Giraffenland» um ein bewusst antirassistisches Theater der Gruppe visch&fogel –, in der Umsetzung durch ihren poetischen Einschlag aber Gross und Klein zu berühren vermochte.