Rätselhafter Besuch auf dem Turm

WIL. An einem Samstagabend im September büxte am Hofberg eine Herde Ziegen aus. Wie Spuren bezeugten, dürften sie auch den Aussichtsturm bestiegen haben. Ohne Fremdeinwirkung wäre ein solcher Ausflug wohl nicht möglich gewesen.

Ursula Ammann
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Knapp 200 Treppenstufen führen zur Aussichtsplattform des über 30 Meter hohen Wiler Turms. Den Spuren nach wollten auch die Ziegen ganz hoch hinaus. (Bild: Ursula Ammann)

Knapp 200 Treppenstufen führen zur Aussichtsplattform des über 30 Meter hohen Wiler Turms. Den Spuren nach wollten auch die Ziegen ganz hoch hinaus. (Bild: Ursula Ammann)

Pius Brunschwiler aus Wil spaziert oft auf den Wiler Turm. Was er aber kürzlich dort antraf, hatte er zuvor noch nie gesehen. «Vom Betonboden, wo der Turm verankert ist, über die Treppen und Zwischenböden hinauf bis zur Aussichtsplattform lag mal weniger, mal mehr frischer Dreck von Geissen», erzählt er. Etliche Leute seien an besagtem Wochenende bei prächtigem Wetter die rund 200 Treppenstufen hoch auf den Turm gestiegen und hätten dem Unrat an manchen Stellen ausweichen müssen. Pius Brunschwiler informierte nach seinem Spaziergang den Werkhof der Stadt.

Max Forster, Leiter Betriebe und Entsorgung der Stadt Wil, bestätigt auf Anfrage der Wiler Zeitung, dass die Treppe bis hinauf zur Aussichtsplattform mit Geissenkot besät war. Ein Mitarbeiter des Werkhofes kümmerte sich um die Reinigung des Turms. Für die unversehrten «Böleli» reichte ein Wisch mit dem Besen. Wo der Kot zerdrückt war, musste er mit Wasser dahinter. Nach zwei Stunden war das über 30 Meter hohe Holzbauwerk dann wieder sauber.

Batterien abgehängt

Tatsächlich war an jenem Samstagabend eine Ziegenherde ausgebrochen und konnte auf dem Weg Richtung Bronschhofen wieder eingefangen werden. Dem Halter präsentierten sich jedoch keine Anzeichen dafür, dass die Tiere zuvor auf dem Turm gewesen sein könnten. Ob dies wirklich so war, bleibt wohl ein Geheimnis der Ausgebüxten.

Tatsache ist jedoch, dass an jenem Samstag jemand die Batterien, die den Ziegenzaun mit Strom versorgen, abgehängt hat. Gemäss der Halterfamilie kommt dies immer wieder vor – besonders an Wochenenden. Auch seien die Drähte schon mehrmals sauber durchgeschnitten worden. Im vergangenen Sommer war dies fast alle drei Wochen der Fall, diesen Sommer einmal.

Kletterfreudige Tiere

Auch Pius Brunschwiler glaubt nicht, dass die Tiere ohne Fremdeinwirkung ausgebrochen und auf den Turm gestiegen sind. Er vermutet, dass sie jemand die Treppe hinaufgejagt haben könnte.

Die Kantonspolizei St. Gallen hat von diesem Fall keine Kenntnis. Mediensprecher Gian Andrea Rezzoli kann sich aber vorstellen, dass die Tiere selbst auf den Turm gestiegen sind, zumal Ziegen ja gerne klettern. Um eine Herde Ziegen eine Treppe hinaufzujagen, hätten mehrere Leute beteiligt gewesen sein und die Tiere regelrecht eingekesselt haben müssen, so seine Einschätzung.

Dass Batterien abgehängt und Drähte von Zäunen durchgeschnitten werden, wie es bei der Halterfamilie passiert sei, komme wohl hie und da vor, vermutet Gian Andrea Rezzoli. «Entsprechende Anzeigen gehen aber bei uns nie ein.» Um ein Kavaliersdelikt handle es sich jedoch keinesfalls, sagt Rezzoli. Einerseits sei es ganz klar eine Sachbeschädigung. «Andererseits ist es aber auch eine Gemeinheit gegenüber dem Tierbesitzer und unrecht gegenüber dem Tier.» Ein Zaun bedeute für dieses auch eine Obhut, in der es vor Gefahren wie etwa vor anderen Tieren oder dem Strassenverkehr geschützt sei.

Einbahnregelung missachtet

Er habe den Ziegendreck nur auf dem einen Treppenlauf feststellen können, berichtet Pius Brunschwiler. Der Wiler Turm besteht aus einer doppelten Wendeltreppe mit zwei voneinander unabhängigen Treppenläufen – eine für den Aufstieg, die andere für den Abstieg. Indem die Ziegen für den Auf- und Abstieg denselben Treppenlauf verwendeten, so Brunschwiler, hätten sie zwar die Einbahnregelung missachtet, dafür aber im Sinne der Aufräumer gehandelt.

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