Private als Müllsammler: Degersheim nimmt den Kampf gegen Littering mit Raumpatenschaften auf

In Degersheim werden im Frühling Privatpersonen unterwegs sein, um Abfall zu sammeln.

Tobias Söldi
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Eine junge Putztruppe ist im Namen der Interessengemeinschaft für eine saubere Umwelt (IGSU) im Einsatz.

Eine junge Putztruppe ist im Namen der Interessengemeinschaft für eine saubere Umwelt (IGSU) im Einsatz.

Bild: PD

Zigarettenstummel, Verpackungen, PET-Flaschen: Littering ist ein Problem, auch in der scheinbar so sauberen Schweiz. Das achtlose Wegwerfen von Abfällen im öffentlichen Raum schadet nicht nur der Umwelt und beeinträchtigt unsere Lebensqualität, sondern kostet auch ­einiges: Die durch Littering verursachten Reinigungskosten belaufen sich gemäss Bundesamt für Statistik auf etwa 200 Millionen Franken pro Jahr. 75 Prozent entfallen dabei auf die Gemeinden, 25 Prozent auf den öffentlichen Verkehr. Über die Gründe dieser Unsitte lässt sich streiten: Sind es überquellende Abfallkübel? Die hohen Sackgebühren? Das veränderte Konsumverhalten? Oder schlicht Bequemlichkeit?

144 Millionen Franken für die Reinigung

In den Gemeinden fallen laut Bundesamt für Umwelt etwa
144 Millionen Franken für die Reinigung von Littering an. Mehr als 50 Prozent dieser Kosten (73 Millionen Franken) werden durch Esswaren- und Getränkeverpackungen sowie durch weitere Gegenstände der fliegenden Verpflegung (Servietten, Plastikbesteck usw.) verursacht. Einen weiteren grossen Kostenanteil trägt die Litteringfraktion der Zigaretten mit 36 Prozent (59 Millionen Franken). Der hohe Kostenanteil der Zigaretten ist damit zu begründen, dass Kleinteile auf natürlichen Flächen (Rasen, Kies, Baumscheiben, Hecken) einen überproportional hohen Reinigungsaufwand verursachen.
Im öffentlichen Verkehr dominieren die litteringbedingten Reinigungskosten für Getränkebehältnisse, Take-away-Verpackungen und Zeitungen. Die durch Littering verursachten Reinigungskosten an öffentlichen Haltestellen von Tram, Bus oder Postauto sind darin nicht enthalten, sondern wurden bei den Gemeinden erhoben. Dies erklärt, weshalb die Zigaretten beim ÖV vergleichsweise weniger bedeutsam sind. (pd)
www.igsu.ch

Gemeinderatsschreiber Andreas Baumann

Gemeinderatsschreiber Andreas Baumann

Bild: PD

Auch die Gemeinde Degersheim hat – wie viele andere Gemeinden – damit zu kämpfen. «Auf Littering stösst man eigentlich überall», sagt Gemeinderatsschreiber Andreas Baumann. Er erinnert sich, wie die Gemeinde im vergangenen Sommer die wild wuchernden Sträucher beim Friedhof entfernen liess. «Im Gebüsch sind riesige Mengen Abfall zutage gekommen.»

Freiwillige räumen als Paten auf

Degersheim sagt dem Problem den Kampf an. Vergangenen Oktober hat die Gemeinde entschieden, sich am Projekt Raumpate der Interessen­gemeinschaft für eine saubere Umwelt (IGSU) zu beteiligen –als erste und bis jetzt einzige Gemeinde in der Ostschweiz. Die Idee hinter dieser Raumpatentschaft: Der Organisator, in diesem Fall die Gemeinde, legt bestimmte Gebiete fest und teilt sie sogenannten Raumpaten zu. Das können Privatpersonen, Familien, Schulklassen oder auch Vereine sein. Sie räumen dann das jeweilige Gebiet auf. Die nötigen Utensilien wie Arbeitshandschuhe oder Abfallsäcke erhalten sie dabei von der Gemeinde.

Mittlerweile haben gemäss Baumann vier Privatpersonen beziehungsweise Familien und eine Schule Interesse am Projekt bekundet. Man sei «positiv überrascht» gewesen von der Zahl der Rückmeldungen. «Im Januar werden wir uns zu einer Besprechung treffen und die Gebiete bestimmen.» Wenn der Schnee im Frühling geschmolzen ist, sollen sich die freiwilligen Abfallsammler ans Werk machen. Interessierte können sich aber weiterhin melden.

Im Vordergrund steht die Signalwirkung

Will sich Degersheim mit den freiwilligen Abfallsammlern einfach Arbeit sparen? Baumann verneint.

«Das Bauamt führt seine Arbeit weiterhin wie gewöhnlich aus. Für die Beteiligten entstehen keine spezifischen Verpflichtungen und sie werden auch nicht behaftet.»

Der Zeitaufwand könne nach eigenem Gutdünken bestimmt werden, ebenso, wie lange man sich am Projekt beteiligen möchte. «Uns geht es vor allem um die Signalwirkung und die Sensibilisierung der Leute.» Aus diesem Grund wird die Gemeinde auch Leuchtwesten der IGSU für die Abfallsammler abgeben. Zudem werden Tafeln aufgestellt, die bezeichnen, dass das entsprechende Gebiet einen Raumpaten hat.

Dass sich Degersheim an einem solchen Umweltprojekt beteiligt, überrascht wenig. Die Gemeinde hat erst kürzlich das Label «Grünstadt» überreicht bekommen, das ihre Bemühungen rund um Biodiversität und Grünflächen würdigt. Eine direkte Verbindung haben die beiden Initiativen nicht. Aber: «Wir fragten uns, wie wir das Projekt ‹Grünstadt› weiterführen und die Bevölkerung dazu animieren können, aktiv zu werden», sagt Baumann.