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Prekäre Situation bei den Sintis: «Wir wollen nicht pauschalisiert werden»

Die Sinti sind aktuell ein grosses Thema in Wil. Fino Winter, Präsident der «Sinti Schweiz», gibt Einblicke in deren Alltag und zeigt auf, warum die ausländischen Fahrenden dem Image der schweizerischen Minderheit schaden.
Nicola Ryser
Ob Sinti, Roma oder Jenische: Fahrende sind in der Ostschweiz immer wieder anzutreffen. Wie hier im Gebiet Degenau-Höfrig im Sommer 2017.

Ob Sinti, Roma oder Jenische: Fahrende sind in der Ostschweiz immer wieder anzutreffen. Wie hier im Gebiet Degenau-Höfrig im Sommer 2017.

Sie kommen schnell vorbei und sind schnell wieder weg. Fahrende – wie das Wort es treffend beschreibt – bleiben kaum an einem Ort. Für Roma, Jenische oder Sinti ist das Alltag, die Gruppierungen leben vom Weiterreisen. Seit 1988 bilden sie offiziell eine Minderheit in der Schweiz. Ihre Ursprünge stammen aus Indien und Ost- oder Südeuropa, die jeweiligen Gruppierungen unterscheiden sich durch ihre Sprache und Kultur. Die Roma sind überwiegend in Osteuropa sesshaft, ihre Sprache Romani beruht auf dem Sanskrit und Pakrit. In der Schweiz leben geschätzt bis zu 50 000 Roma. Die Sinti wiederum sind eine Gruppierung, die ihre Sprache der jeweiligen Landessprache anpassen.

Letztere sind aktuell ein grosses Thema in Wil. Nebst der Ausstellung «Latscho diwes» findet am Freitag eine Podiumsdiskussion statt (siehe Infobox). Fino Winter kennt den Alltag der Sinti und ihre Schwierigkeit, sich im Land zu integrieren. Er ist Präsident des 2016 gegründeten Vereins «Sinti Schweiz», dessen Ziel es ist, die Minderheit der Bevölkerung näherzubringen.


Fino Winter, sind Sie ein sesshafter Mensch?

Ganz und gar nicht. Ich bin selbst ein Sinti, also ein Fahrender, der schweizweit viel herumkommt. Als Präsident des Vereins verbinde ich das Reisen mit meiner Arbeit.

Wie muss man sich den Alltag der Sinti vorstellen?

Der ist eigentlich ganz normal. Wir sind als Gruppe mit 10 bis 20 Wohnwagen unterwegs. Am Morgen steht man auf, trinkt zusammen einen Kaffee, dann geht man hausieren, die Frauen bereiten indes das Essen vor. Es gibt eine Mittagspause, bevor man am Nachmittag nochmals ins Auto steigt. Am Abend sitzt man dann gemeinsam zusammen – immer um ein Feuer, das ist uns enorm wichtig. Sie sagten, sie gingen hausieren.

Was bieten Sie den Leuten an?

Wir läuten, begrüssen sie höflich und fragen, ob wir helfen können. Das kann beispielsweise das Schleifen von Messern oder Arbeiten an der Hausmauer sein. Eigentlich sind die Reaktionen darauf mehrheitlich positiv. Doch hat sich das geändert, seit vermehrt ausländische Fahrende in die Schweiz gekommen sind.

Seit zwei Jahren ist er Präsident der «Sinti Schweiz»: Fino Winter. Bild: Roland P. Poschung

Seit zwei Jahren ist er Präsident der «Sinti Schweiz»: Fino Winter. Bild: Roland P. Poschung

Warum ist das ein Problem?

Sie sind sehr aufdringlich, bieten Arbeit zu überhöhten Preisen an und pfuschen dabei noch. Das wirft leider ein schlechtes Licht auf uns. Wir Schweizer Sinti, die sauber arbeiten, werden mit den ausländischen in einen Topf geworfen. Doch wir wollen nicht pauschalisiert werden.

Wie steht es aktuell um das Image der Sinti in der Schweiz?

Die Situation wird zurzeit immer schlechter, auch durch die Schlagzeilen über ausländische Fahrende. Wir sind abhängig von der Schweizer Bevölkerung, wir leben vom Handel mit ihnen. Ein gutes Image ist uns wichtig. Nur sind die Menschen zu wenig aufgeklärt und haben folglich auch kein Verständnis für uns.

Ist die Situation in der Ostschweiz ebenfalls prekär?

Das Problem hier ist der zu kleine Lebensraum. Wir kämpfen seit längerem darum, in der Region ganze Jahresplätze zu schaffen, auf denen wir uns immer wieder aufhalten können. Doch leider waren wir bisher nicht erfolgreich. So sind wir hier oftmals auf die Zusammenarbeit mit den Bauern angewiesen, um spontane Halts einzulegen. Aktuell sind 90 Prozent der Sinti in der Ostschweiz unterwegs.

Haben die Sinti der Schweiz denn überhaupt noch eine Zukunft?

Das haben sie, dafür sorgen wir. Wir wollen unsere Minderheit der Bevölkerung näherbringen wie etwa mit Ausstellungen oder der Podiumsdiskussion am Freitag. Aufklärung erzeugt Verständnis. Gleichzeitig haben wir uns von «Sinti Schweiz» zum Ziel gesetzt, unserer Jugend Perspektiven zu bieten.

Wie steht es denn um die Bildung der Kinder bei den Sintis?

Einerseits legen wir grossen Wert darauf, unseren Kindern unsere Traditionen weiter zu geben. Anderseits sind wir aber auch bereit, neue Wege zu gehen, denn die Schule ist ebenfalls wichtig. Vor zwei Jahren haben wir in Bern ein Projekt namens «Lernen auf Reisen» lanciert. Dabei können die Kinder auch unterwegs lernen oder privat am Unterricht teilnehmen. Weil es bisher gut funktioniert hat, wollen wir das nun auf die ganze Schweiz ausweiten.

Podiumsgespräch: Wie sieht die Zukunft der Wiler Sinti aus?

Zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter der kleinsten und unbekanntesten Minderheit der Schweiz – der Sinti – leben in Wil. Doch wie sieht ihre Zukunft aus? Unabdingbare Voraussetzungen für Fahrende sind Halteplätze und die Bereitschaft der Mehrheitsgesellschaft, den Bau solcher Plätze zuzulassen. Zentral sind für die Sinti zudem die spontanen, einvernehmlichen Halte bei Landwirten. Aber die Zahl der regulären Halteplätze ist gering. Über die zentrale Frage, wie das Zusammenleben von Mehrheit und Minderheiten künftig besser gelingen kann, diskutieren morgen Freitag um 17.30 Uhr in der Zwischennutzung Hof zu Wil: Romilda Lehmann, Sintezza aus Wil; Gino Lehmann, Sinto und Vertreter der Organisation «Sinti Schweiz»; Robert Raths, Gemeindepräsident von Thal; Urs Glaus, Stiftung Plätze für Fahrende, St. Gallen; Felix Baumgartner, Fachstelle Integration Region Wil. Das Gespräch leitet Simon Röthlisberger, Geschäftsführer der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende. Das Podium dauert rund eine Stunde. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung «Latscho diwes» in der Zwischennutzung Hof zu Wil dauert noch bis am 22. November und ist Sonntag bis Donnerstag jeweils von 10 bis 18 Uhr sowie Freitag und Samstag von 10 bis 20 Uhr offen. (pd)

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