Kolumne

Seitenblick: Prägende Blickrichtung

Kinder wollen sicht- und fühlbare Aufmerksamkeit der Eltern. Für diese ist das Handy aber oftmals interessanter.

Andrea Häusler
Drucken
Teilen
Andrea Häusler, Redaktorin Wiler Zeitung

Andrea Häusler, Redaktorin Wiler Zeitung

Bild: PD

Wer erinnert sich nicht an seine ersten Velofahrmeter, die Kopfsprung-Premiere in der Badi, die Tore oder Fouls bei den E-Junioren oder den Zieleinlauf am Primarschulsporttag. Gewiss, der Erfolg beglückte, ein allfälliger Misserfolg schmerzte. Fast wichtiger aber waren letztlich der Applaus oder eben der versöhnliche Trost der Eltern: das Gefühl, wahrgenommen zu werden.

Das Bild, das sich kürzlich auf einem Spielplatz offenbarte, war eine Reminiszenz an ebendiese frühen Kindheitsjahre. Zwei Buben im Kindergartenalter hangeln über ein Kletternetz in Richtung Rutschenturm. Oder sie versuchen es zumindest – mit achtbaren Zwischenerfolgen. Ihre Augen suchen dabei immer wieder erwartungsvoll den Kontakt zu den beiden jungen Müttern, die auf einer Bank mit ihren Smartphones beschäftigt sind und den Blick nur dann heben, wenn einer der Knirpse das ersehnte Feedback mit einem «Lueg, Mami» einforderte.

24/7-Präsenz und uneingeschränkte Aufmerksamkeit für den Nachwuchs? Freilich nicht. Vielmehr geht es darum, die Zeit mit den Kindern bewusst zu verbringen und ihnen dabei sicht- und fühlbares Interesse entgegenzubringen. Aber auch darum, erzieherisch ein Zeichen zu setzen. Denn wir leben unseren Kindern ja Werte und Verhaltensmuster vor. Dies insbesondere auch in Bezug auf den Umgang mit sozialen Medien.

Die beiden Buben haben den Turm inzwischen erfolgreich erklommen. «Maaami», schreit der kleine Blonde gedehnt von der Plattform und bringt sich in Rutschposition. Die junge Frau blickt auf, findet das «cool!» und wendet sich umgehend wieder den scheinbar wichtigen virtuellen Dingen zu. Derweil der grössere Lockenkopf seinen Kameraden kräftig anschiebt, dieser rasant die Rutsche hinunter schlittert und unsanft auf dem Holzschnitzelboden landet.

Der Schreck ist gross, passiert ist nichts. Geheult wird dennoch und nicht zu leise. Mama springt auf und nimmt den Unglücklichen in den Arm. Immerhin, im Tränental bekommt er das, was er sich im Freudentaumel gewünscht hätte: Aufmerksamkeit und das Gefühl, wichtiger zu sein als der oder das, was gerade online ist.