Politikverdrossenheit in der Region Wil: Die Mehrheit schweigt

Politikverdrossenheit kann zum Problem werden. Eine Suche nach möglichen Gründen für das fehlende Interesse.

Adrian Zeller
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Die Stimmbeteiligung an den Gemeindeversammlungen liegt oft weit unter zehn Prozent.

Die Stimmbeteiligung an den Gemeindeversammlungen liegt oft weit unter zehn Prozent.

Bild: Donato Caspari

Bei Recherchen zum Thema «Gibt es Politikverdrossenheit in der Region?» fällt ein Widerspruch auf. Die angefragten Mandatsträger loben die hohe Bürgerbeteiligung in ihrer Gemeinde; Politikverdrossenheit sei bei ihnen unbekannt.

Gleichwohl wollen manche ihre Zitate für diesen Bericht vor dem Druck akribisch prüfen, und sie fordern Ergänzungen zu ihren eigenen Aussagen. Dies, um jeder ungenauen Interpretation ihrer Äusserungen durch die Leserinnen und Leser zuvorzukommen.

Obwohl sie vom politischen Klima in ihrer Gemeinde nur das Beste zu berichten wissen, scheinen sie sich vor Unmut zu fürchten. Eine derart defensive Haltung deutet auf ein «heisses Eisen» hin, das Politikverdrossenheit demnach sein könnte. Die sogenannte «schweigende Mehrheit» war in der Schweiz schon immer eine gefürchtete politische Grösse, weil sie kaum einzuschätzen ist und bei Wahlen und bei Abstimmungen mitunter für Überraschungen sorgt.

Positionen in Parteien zu besetzen, ist schwierig

Im Gegensatz zum Lob der angefragten Exekutivmitglieder über das ausgeprägte Interesse der Bürger an der Lokalpolitik stehen die schweizweit anhaltenden Klagen über die Schwierigkeiten, ausreichend fähige und motivierte Kandidierende für Behördenämter zu rekrutieren. Und auch Parteien geben an, viele Gespräche führen zu müssen, um ihre Führungspositionen besetzen zu können.

Für den Wiler Politologen, Politikberater und SVP-Stadtparlamentarier sowie Kantonsrat Erwin Böhi gibt es den fehlenden Willen zum politischen Mitgestalten eines Teils der Bevölkerung durchaus. Als Ursachen nennt er die Frustration darüber, dass aus Sicht mancher Wählenden politische Vorlagen nicht umgesetzt werden, wie an der Urne verlangt.

Im Weiteren können laut Böhi die Komplexität von Vorlagen sowie die teils schwer verständlichen Formulierungen in den Unterlagen die Stimmabgabe verhindern. Dafür sind gemäss seinen Erfahrungen nicht immer die Behördenmitglieder verantwortlich, gelegentlich bemühe sich auch die Verwaltung zu wenig um leicht verständliche Informationen und Fragestellungen in den Abstimmungsunterlagen.

Persönliches Engagement gefragt

Der abtretende Wiler Parlamentspräsident Marc Flückiger versucht, die Mitarbeitenden seiner Firma für Liegenschaftsunterhalt für politisches Engagement zu motivieren: «Viele sagen, dass sie sich so etwas nicht zutrauen würden und sie sowieso nichts verstehen und verändern können.» Darauf fragt er jeweils nach, ob sie eine aktive Beteiligung schon probiert hätten. «Meistens kommt dann keine Antwort.»

Flückiger glaubt nicht, dass grundsätzlich Massnahmen gegen Politverdrossenheit erforderlich sind:

«Es liegt an uns selber, sich einzubringen. Wie sagt man so schön: Wie man sich bettet, so schläft man auch.»

Der FDP-Politiker vertritt die Meinung, «dass Personen, welche immer nur ausrufen und die Faust im Sack machen, keine Legitimation zum Mitdiskutieren haben.»

Der Unternehmer ergänzt: «Nur weil Personen mit sich selbst und ihrem Leben unzufrieden sind, müssen sie nicht den anderen die Schuld geben, sondern selber überlegen, was sie ändern können. Aber es ist einfacher, nicht selbst die Verantwortung übernehmen zu müssen.»