Polemik löst Strukturprobleme nicht

Am 30. November wird über den Regionalen Naturpark Neckertal abgestimmt. Will das Neckertal seine Situation zum Positiven wenden, gibt es zum Ja kaum eine Alternative. Von Urs M. Hemm

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Vom fortschreitenden Strukturwandel sind viele ländliche Regionen der Schweiz betroffen. Abwanderung, Schliessung von Schulen, Abbau von Dienstleistungen sind Folgen, die auch das Neckertal zu spüren bekommen hat. Bemühungen, dem entgegenzuwirken, liefen aus finanziellen Gründen ins Leere: die Negativspirale drehte sich weiter, Arbeiten und Wohnen im Tal wurden unattraktiver. Dem Neckertal verbleibt aber ein Trumpf. Denn nur wenige Regionen verfügen über eine so intakte, fast unberührte Natur und damit beste Voraussetzungen, um sich als Tourismusregion unter dem Label «Regionaler Naturpark» zu etablieren.

Rechtsverbindlicher Vertrag

Seit gut fünf Jahren versucht eine Gruppe von Leuten, dieses Projekt vorzubereiten und zu realisieren. Oft stiess sie auf Zustimmung, ebenso oft auf Ablehnung. In den Anfängen teilweise zu Recht. Mittlerweile jedoch wird es immer schwieriger, den Gegnern des Naturparks Verständnis entgegenzubringen. Ein Argument, das sie seit Anbeginn bemühen, sind befürchtete Einschränkungen für Landwirtschaft und Privatpersonen aufgrund neuer Gesetze und Vorschriften. Gewiss, für die Landwirtschaft wird es diese geben. Aber nicht aufgrund des Naturparks. Ein Verein darf weder Gesetze noch Vorschriften erlassen. Diese werden durch nötige Anpassungen und Ergänzungen im Rahmen der Agrarpolitik 2014–17 auf die Bauern zukommen. Auch ohne Naturpark Neckertal. Nur wer sich freiwillig unter das Label «Naturpark» stellen will, hat gewisse Rahmenbedingungen zu erfüllen, wie das bei anderen Labels wie Bio der Fall ist. Genauso wenig wird die Bautätigkeit von der Errichtung des Naturparks beeinträchtigt. Bei Neu- oder Umbauten innerhalb des Park-Perimeters gelten weiterhin dieselben Vorschriften wie heute. Und das gegnerische Argument, Bund und Kanton könnten die für Naturparks geltenden Regeln jederzeit ändern, trifft zumindest für die nächsten zehn Jahre nicht zu. Denn das Bekenntnis zum Naturpark unterliegt einem Vertrag zwischen den beteiligten Gemeinden und dem Verein Naturpark Neckertal. Änderungen des Inhalts sind folglich nur nach Zustimmung beider Parteien möglich. Nach Ablauf der zehnjährigen Vertragsdauer muss die Bevölkerung der Park-Gemeinden dem Vertrag wiederum zustimmen.

Bundesgelder werden ohnehin verteilt

Ist der Naturpark eine Verschwendung von Steuergeldern, wie die Gegner behaupten? Dass Bundesrat und Parlament die Unterstützung der Naturpärke erst im November von 10 auf 20 Millionen Franken verdoppelt haben, sehen die Gegner als Beweis dafür, dass sich ein Naturpark niemals rechne. Was dabei ausgeblendet wird, ist, dass die einst beschlossenen zehn Millionen für zehn Naturpärken gesprochen wurden. Mittlerweile gibt es in der Schweiz jedoch 16 zertifizierte Regionale Naturpärke und weitere vier – inklusive Neckertal – bewerben sich um das Label. Die Aufstockung der Unterstützung ist damit also durchaus gerechtfertigt. Ein Naturpark löst nicht alle Probleme. Wenn jedoch, wie erwartet, jährlich rund 750 000 Franken in den Naturpark fliessen, können Projekte realisiert werden, die Besucher und Konsum ins Tal bringen. Bund und Kantone sparen damit allenfalls Geld, das ansonsten auf anderen Wegen ins Tal geflossen wäre. Nur fliessen bei einem Naturpark die Gelder nicht von alleine. Die Bevölkerung muss sich mit Ideen einbringen. Und was würde wohl mit den 750 000 Franken geschehen, wenn sie das Neckertal nicht wollte? Andere Regionen würden profitieren.

Die Meinung der Naturpark-Gegner, sie könnten mit diesem Betrag im Alleingang das leisten, was die Mitarbeiter der Geschäftsstelle des Vereins Naturpark Neckertal bisher umgesetzt haben und noch planen, ist realitätsfern. Denn als Kandidat für das Label «Regionaler Naturpark» haben diese kostenlosen Zugang zu nationalen und internationalen Netzwerken und Internetplattformen, auf denen jetzt schon für die Region geworben werden kann. Ohne diesen Status wäre ein Zugang alleine schon auf die Internetseite von Schweiz Tourismus kaum mit jenen 80 000 Franken finanzierbar, welche die Gemeinden einbringen müssten. Es wären Gelder von Dritten erforderlich. Gelder von Organisationen wie der Schweizer Berghilfe fliessen aber nur, wenn eine klare Organisationsstruktur und ein handfestes Konzept auf dem Tisch liegen. Dass die Naturpark-Verantwortlichen Strukturen und damit Vertrauen schaffen können, haben sie mit der gut angelaufenen Vermarktung regionaler Produkte bewiesen. Zahlreiche Produzenten aus der Region haben die Chance wahrgenommen, ihre Erzeugnisse über einen gemeinsamen Kanal zu vermarkten. Schon heute werden ihre Produkte auf Märkten und in Supermärkten zum Kauf angeboten, ohne dass sie selbst anwesend sind. Seit kurzem ist zudem der Kauf der bisher gut hundert angebotenen Produkte über den eigenen Internetshop möglich.

Gastgewerbe profitiert bereits

Doch auch das Gastgewerbe kann bereits von Angeboten des Naturparks profitieren. Schulklassen absolvieren Tageskurse und Projektwochen im Naturpark – Firmen oder Vereine leisten an Teambildungsevents Umwelteinsätze. Alle diese Besucher müssen irgendwo schlafen, essen und einkaufen. Mit einem Ja zum Naturpark Neckertal wird nicht alles besser; mit Polemik, Angstmacherei und der Verbreitung von Halbwahrheiten aber erst recht nicht. Der Naturpark ist eine Chance, die es zu packen gilt.